WG-Gefühle in Portland.
Warum es einen ausgerechnet nach Portland (Maine) verschlägt? Das hängt natürlich – wie immer – mit einem Mann zusammen. Mark ist ein Zwei-Meter-Hüne, schlaksig und hat sich auch mit Mitte 50 sein jungenhaftes Grinsen bewahrt. Er lebt mit seinen zwei Söhnen, einer Katze namens Guinevere und dem Kater „Parzival“ in einem riesigen, labyrinthisch verschachtelten alten Haus in South Portland, einem idyllischen Vorort der größten Stadt im Bundesstaat Maine.
Zeitweilig lebt er auch mit fremden Frauen und Männern zusammen. Sechs Räume vermietet er, die meisten davon mit gemeinsam genutzten Badezimmern. Das muss man mögen. Oder sich einfach nostalgisch an alte Zeiten erinnern, damals in der 3er-Wohngemeinschaft in Kreuzberg, das Zimmer nach vorne raus, mit direktem Blick auf die Gleise der U1. Damals, als in der Küche die Schlacht um den besten Kartoffel-Tomaten-Auflauf geschlagen wurde, weil beide Gemüse so unglaublich billig beim türkischen Händler um die Ecke zu bekommen waren. Und als nach der besten Silvester-Party ever, ever, ever alle Parfüms aus dem Badezimmer verschwunden waren. Damals, als zwei deutsche Länder gerade einmal fünf gemeinsame Jahre miteinander verbracht hatten und nach der ersten heißen Liebe auf einmal die graue Alltagsrealität einzog. Auch in der Kreuzberger WG zogen die Lieben ein und aus, manchmal gab es Dramen mit den Damen und die Herren in der WG ertränken ein ums andere Mal ihren Kummer in billigem ALDI-Bier. Der Putzplan für Badezimmer und Küche wurde von der resoluten Anne aus dem Sauerland erstellt und konsequent eingefordert. Ja, so war das damals.
Aber wir befinden uns in einem AirBnB in South Portland, die Anwesenden sind allesamt erwachsen und haben ungefähr die gleichen Ansprüche an ein sauber zu hinterlassendes Badezimmer. Einzig das morgendliche Warten, wann denn endlich das Bad frei wird, denn die Blase drückt schon ganz erheblich, diesen Aspekt des WG-Lebens hatte ich erfolgreich verdrängt.
Am acht Meter langen Marmortresen der Küche erzählen die Illustratorin Edwina und der Theaterpädagoge Taylor von ihrem Kennenlernen in New York, während die kleine Tochter auf dem Hochstuhl herumturnt. Erro und Jessica auf Finnland kochen irgendetwas Veganes und um meine Beine schmeichelt Parzival herum. Mark spielt Jazz und Blues, singt dazu und setzt sich zwischendurch ans Klavier. Ich schraube an einigen Texten herum und trinke dazu ein gar nicht mal so schlechtes lokales Pale Ale.
Eine WG, das wäre doch etwas für später, denke ich. Dann, wenn wir alt sind und uns keine eigenen Wohnungen mehr leisten können, weil die Rente nicht hinten und nicht vorne reicht. Wir würden gemeinsam kochen oder uns etwas liefern lassen, eine Putzhilfe würde für die nötige Sauberkeit sorgen und wenn es einem von uns dann wirklich nicht mehr geht, helfen wir oder lassen uns helfen. Natürlich müssten wir mehr Badezimmer haben. Und vielleicht besser isolierte Wände zwischen den Räumen…
Mark hat es jedenfalls ganz richtig gemacht: er, der erfolgreiche Informatiker, hat mit Anfang fünfzig den Schnitt gemacht und ist jetzt Rentner. Und ein guter und interessanter Gastgeber. Da verlängert man doch gern mal spontan den Aufenthalt um eine Nacht. Falls ich noch einmal nach Portland komme – gerne wieder im Hillside House.
Hillside House
161, Preble St
South Portland
Zum Strand sind es zu Fuß 10 Minuten, in das Zentrum von Portland mit dem Auto knappe 15 Minuten.