Vogelfrei.

Der Blick vom Treppenabsatz unterhalb des Tempels Wat Phnom geht tief ins grüne Dickicht, und die trubelige Großstadt scheint für einen Augenblick sehr weit entfernt. Eine junge Frau stellt vorsichtig zwei Käfige auf den Boden vor dem Geländer. Gute zwei Dutzend kleine braunschwarze Vögel klammern sich an die Sitz- und Gitterstäbe oder sitzen verängstigt oder halbtot auf dem Käfigboden. Die Frau nimmt einen der Vögel aus dem Käfig und setzt ihn auf die Handfläche.

Weit streckt sie den Arm in Richtung Dickicht, doch der Vogel versucht nicht einmal, davon zu fliegen. Selbst die zerzausten, langen Flügel hängen traurig herab. Sie setzt ihn auf den Boden neben den Käfigen, wo er reglos sitzen bleibt. Nur ein gelegentliches Zucken der Flügel und der noch erhobene Kopf zeigen, dass noch Leben in ihm steckt.

Einen Vogel nach dem anderen entlässt sie in die Freiheit. Die meisten fliegen nach einigen Probeflügelgschlägen sofort los. Ich frage sie, warum sie das macht. Sie antwortet: „Mit den Vögel fliegen die Sünden davon und es bringt Glück.“ Man kaufe die wild gefangenen Vögel – sie kosten umgerechnet 70 Cent pro Stück – und lässt sie dann wieder in der Nähe eines Tempels oder anderen heiligen Ortes frei.

 

Ich frage ich, wie viele Sünden sie wohl begangen haben mag, dass es zwei ganze Käfige voll mit kleinen Vögeln sein müssen. Der kleine Vogel auf dem Boden ist mittlerweile tot und durfte nicht mehr frei sein. Wenn das keine Sünde ist, weiß ich auch nicht.

4 Gedanken zu “Vogelfrei.

  1. Darf ich eine Vermutung äußern?

    Ich tue es einfach.

    Wahrscheinlich geht es nicht um Sünden.
    Aber vielleicht ist es leichter Vögel in Sünden umzurechnen – vor allem einer Frau gegenüber, die als christlich sozialisiert erscheint – als ihr zu erklären, dass es um handfeste materielle Wunschvorstellungen geht.

    1. Ich versuche immer, meine eigenen, westlich geprägten Wertvorstellungen in anderen Kulturen so weit wie möglich außen vor zu lassen und nehme Erklärungen erst einmal so hin, wie sie ausgesprochen werden. In Südostasien leben die Menschen eine sehr spirituelle Verbindung mit ihren Göttern, Ahnen und Geistern, sodass ich die Erklärung der Frau glauben würde. Das Verbrennen von (Spiel-)Geld ist ja auch so ein Ritual, das Glück – und natürlich Wohlstand – bringen soll. Warum also nicht auch das „Fliegenlassen“ von Sünden?

  2. eigentlich ein schöner Gedanke das was einen beschwert fliegen zu lassen – vielleicht gehen auch Ballons anstelle kleiner Vögel

    1. Wunschballons – alles schon probiert. Fliegen gut und hoch und allein der Momentanglaube an die Erfüllung hilft ja schon weiter.

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