Mr. Panns Ponys oder Lektionen in Glück.

Er seufzt ein wenig und seine Falten scheinen sich noch tiefer in das braune Gesicht einzugraben: „Die Stadt wächst immer weiter, wie ein Pilz. Und ich brauche mehr Land. Aber das Land um meine Farm gehört der Stadt. Also muss ich umziehen, weiter raus.“

Dabei wäre es für Sary Pann, Eigentümer der „Happy Horse Farm„, nur einer der vielen Umzüge und Umbrüche in seinem Leben. 1941 in Siem Reap geboren und dort aufgewachsen, erlebte er die Wirren um die Landnahme zwischen Thailand und Kambodscha unter der Duldung der französischen Kolonialherren ebenso wie den Vietnam- und Bürgerkrieg. Der Beginn des Vietnamkriegs war für ihn die Möglichkeit, aus der Provinz auszubrechen: „Ich wollte etwas lernen, sehen und in die Großstadt!“ 1969 ging er nach Phnom Penh, um sechs Jahre lang für die amerikanische Botschaft zu arbeiten. 1975, kurz bevor die Roten Khmer die Stadt eroberten und die Bevölkerung entweder vertrieben oder umbrachten, holten ihn seine Dienstherren außer Gefahr. Sary Pann wurde erst nach Thailand gebracht, dann nach Kalifornien.

„Dort habe ich als Angestellter gearbeitet und besser Englisch gelernt, bis ich dann 1992 wieder nach Kambodscha zurückkam.“ Seit seiner Verrentung 2002 baute er systematisch seinen Reitbetrieb und die Pferdezucht aus. „Ich fing 1996 mit einem Pony an, importiert über ein Schutzprogramm aus Vietnam. Es war abgemagert und verwurmt, aber mein erstes Pferd. Dann kaufte ich nach und nach immer mehr Pferde, viele davon Araber* aus Vietnam und fing an zu züchten. Die Ponys und Pferde hier auf der Ranch haben viele Rassen, aber das Khmer-Pferd ist robust und geht auf die Mongolenpferde zurück.“ In der Tat sind auf vielen Reliefs in Angkor Wat kleine Kriegspferde zu sehen, mit kräftigem Schädel und Stehmähne, ganz wie mein Pferdchen namens „Star“, das mich später durch ausgetrocknete Reisfelder, Weiden und durch die Vorstadtdörfer Siem Reaps tragen wird.

Mittlerweile stehen 46 Pferde in seinen Ställen, die allesamt westlichen Standards genügen. Die Pferde machen einen guten Eindruck, keine Rippen sind zu sehen und Sary Pann versichert: „Ich lasse sie regelmäßig entwurmen und checken, wir werden hier auch von der Cambodia Pony Welfare Organisation überprüft.“ Die Pferde erhalten zwei Mal täglich ein Mischfutter aus Gras und einer Melange aus Pflanzenöl, Kalzium, weiteren Mineralien und importiertem Quellfutter aus Thailand. Das Gras kommt von eigenen, gut gewässerten Wiesen.

Die Pferde würden ausschließlich in den frühen Morgenstunden oder am späten Nachmittag geritten. „Es macht keinen Sinn, wenn sich Pferde und Reiter in der Hitze unwohl fühlen. Und auch für unsere Guides ist es angenehmer.“ Die Guides und Angestellten werden von der Cambodia Pony Welfare Organisation ausgebildet und sollen selbstständig für das Wohlergehen der Tiere sorgen können. Auch Volontäre sind gern gesehen, obwohl man das Konstrukt, in Entwicklungs- oder Schwellenländern kostenfrei zu arbeiten und möglicherweise lokalen Arbeitskräften Jobs wegzunehmen, durchaus kritisch sehen kann. Dazu in einem späteren Post sicherlich mehr.

Für die Zukunft wünscht er sich gute Bewertungen in den touristischen Portalen und weniger Stress. Auch die Finanzen sollen stimmen, denn Pferde seien wahre Fressmaschinen. Aber: „Ich bin ein glücklicher Mensch, auch wenn ich immer wieder Geld verliere. Es kommen wieder gute Zeiten, man muss nur warten. Und Leidenschaft für seine Aufgabe haben.“

Und damit kann ich nun endlich einmal den Bogen zu einem Buch spannen, das ich vor meiner Reise von einem sehr geschätzten Menschen zu Weihnachten geschenkt bekam: Hectors Reise oder die Suche nach dem Glück. Einmal abgesehen davon, dass man den Erzählmodus mögen muss – er ist ein wenig betulich gehalten und als erwachsener Leserin fühlte ich mich ein wenig an eine wohlmeinende Tante erinnert, die mir von anno Tobak berichtet -, ist die Liste der Glückslektionen durchaus einen Blick wert. Ich schenke Sary Pann die Nummern 10, 11 und 12. Zur Nummer 12 komme ich vielleicht in einem späteren Post  noch, denn über Politik wird in Kambodscha selten offen gesprochen. Die Menschen, mit denen ich mich das Glück hatte zu unterhalten, haben sich immer sehr dezent ausgedrückt.

Aber zurück zum Ausritt: „Star“ trug mich freundlich und unkompliziert durch die Landschaft und auch Kong, mein überaus charmanter und wortgewandter Guide, attestierte mir zumindest ein gewisses Grundverständnis für das Metier. Und hier kann ich dann wiederum den Bogen zu Hectors Liste spannen und für mich selbst behaupten: Nummer 20 ist meine Lektion. Denn vom Rücken eines Pferdes hat man eine ganz andere Sichtweise auf die Dinge.

Ich jedenfalls wünsche Sary Pann alles Glück der Erde für sich, seine Angestellten und seine Pferde. Und gebe hiermit eine ausdrückliche Empfehlung, dies als touristisches Zusatzangebot Siem Reaps zu begreifen.

*Er relativiert, dass die meisten Araber keine reinblütigen seien, sondern aus Kolonialbeständen übrig gebliebene arabischstämmige Pferde.

 

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