Oder auch: Verschwitzt.
(Bitte lesen Sie nicht weiter, wenn Sie Beschreibungen körperlicher Zustände nicht mögen. Ansonsten müssen Sie da jetzt einfach durch.)
Als ich diesen Text schrieb, krabbelten kleine, federleichte Ameisen über meine Arme und bei Ihnen war es sieben Stunden früher als hier, an meinem Schreibtisch inmitten von Reisfeldern, mit Blick in den Wald. Hier ist alles grün, denn ich bin in Ubud, auf Bali.
Ein balinesischer Tagesablauf fängt übrigens nicht mit Ameisen im Bett an, sondern mit Hähnen. Ich wachte das erste Mal um halb sieben auf, denn die bewussten Hähne – und davon gibt es gefühlt 50 in der näheren Umgebung – veranstalteten ein Wettkrähen. Ich nahm die Geräusche als „gehört ab sofort halt dazu, wenn man in der Natur wohnt“ in mein Akustikgedächtnis auf und schlief wieder ein, bis der Wecker um halb acht den Morgen für begonnen meldete.
Schnell ins Bad, die Kontaktlinsen einsetzen, kurz über das Gesicht feudeln, Haare zusammenknüddeln und in die Sportklamotten springen. Raus aus dem Haus und eine halbe Stunde Intervalllaufen zwischen Reisfeldern. Mehr geht bei 28 Grad vor acht Uhr morgens auch nicht. Außer mir war nur der Hausherr mit seinem hechelnden Golden Retriever Leon auf der Morgengassirunde unterwegs. Wir grüßten uns, wie auch alle Arbeiter auf den Reisfeldern immer ein freundliches Lächeln und ein „Good Morning“ für mich übrig hatten. Die Menschen hier sind an Touristen gewöhnt, aber das ist es nicht, es gibt eine Grundfreundlichkeit der Balinesen, die unaufdringlich ist, ganz anders als jene in Thailand, bei der hinter vielen lächelnden Lippen die Dollarzeichen blinken.
Zurück im Haus, duschte ich, wusch mir die Haare, nur um verzweifelt die Abwesenheit jeglicher Frisur zu bejammern. Meine Haare sind keinesfalls für tropische Temperaturen gemacht. Sie kringeln sich, werden wattig oder stehen gleich ganz zu Berge, wenn sie nicht einfach nur schlapp machen. Einzige Alternative zur Frisur: ein halbwegs geknüdelter Dutt. Die Kreuzköllner Hipster-Dutts wurden garantiert in den Tropen erfunden.
Dann ging ich zum Frühstück in den Kreativraum. Der heißt nicht nur so, meine Nachbarin arbeitet dort auch tatsächlich an ihren Fotoprojekten. Morgens um neun ist sie allerdings noch nicht auf, und sie frühstückt lieber in ihrem Zimmer. Dafür leistete mir Kaya Gesellschaft. Kaya und Ida sind die Hofkatzen. Kaya legte sich einfach mitten auf den riesigen Tisch und sah sehr zufrieden aus. In meinem nächsten Leben möchte ich gern als Katze wiedergeboren werden. Gern auf Bali, gern in diesem Haus. Ihnen geht es gut.
Ich trödelte ein wenig herum, schrieb einige E-Mails und rief Robert an, den Fahrer, der mich am ersten Tag von A nach B gebracht hatte, und der sehr freundlich und auch günstig war. Ich buchte ihn gleich für den nächsten Tag, denn ich verlasse Ubud und fahre an die Küste, nach Canggu, juvenile Surferkörper betrachten. Ich stand ein oder zweimal in meinem Leben auf einem Surfbrett und verstehe diese Sportart nicht. Aber es sieht halt gut aus.
Dann machte ich mich auf den Weg ins Dorf. Ich wollte den „Campuhan Ridge Walk“ bewandern. Seit dem Vortag hatte ich die üblichen Tropenprobleme (Ödeme an den Knöcheln, Zehen und Fingern) und dagegen hilft bei mir Bewegung. Der Himmel war mit Schatten verheißenden Wolken betupft und die waren auch bitter nötig. Denn auf dem Ridge Walk war es stellenweise so heiß, dass ich jeden Baum ansteuerte, um ein wenig im Schatten zu rasten. Ich wanderte nicht ganz bis zum Ende, denn dort ist nur ein Café – mit einer zugegeben guten Aussicht auf Reisfelder, aber darum war ich ja nicht auf dem Ridge Walk – und der schöne Teil ist ohnehin nach knapp einem schweißtreibenden Kilometer zu Ende. Also drehte ich um und lächelte ein wenig in mich hinein, denn das balinesische Jugendlichen-Pärchen unter seinem Baum, das ich aufgrund meiner Rastbedürftigkeit aufstörte, saß noch in genau der gleichen Pose wie auf dem Hinweg (sie, ihren Kopf an seine Schulter gelegt, er aufrecht sitzend und mit dem kleinen Oberlippenbärtchen Erwachsenheit vorspielend). Dass die Bäume und die Aussicht darunter ins Tal ein beliebtes Sonntagsziel sind, wurde mir bewusst, als mir immer mehr verliebte Pärchen entgegen kamen.
Wieder im Tal angekommen, war ich völlig durchgeschwitzt. Ich glaube, ich habe noch nie so sehr geschwitzt wie an diesem Tag. Daher musste ich feststellen, dass mein Lunchpausenselfie in der Bachklamm auch die riesigen Schweißflecken abbildet. Naja, gibt bestimmt irgendeinen Filter dafür.
Ich setzte mich ins Café des Artistes, aß ein Eis und trank ein Lassi dazu. Dann war ich wieder halbwegs hergestellt und wanderte zur Post, um Postkarten einzuwerfen. Da ich vorher noch Wasser und eine Tüte von meinen Lieblingschips (Seetanggeschmack, ja, seltsam, ja, lecker!) gekauft hatte, wollte ich die gut anderthalb Kilometer zu meiner Unterkunft nicht mehr laufen. Daher heuerte ich ein Moto-Taxi an, das mich schnell, gut und sicher an mein Ziel brachte.
Die ungewohnte Anstrengung hatte mich sehr ermüdet und so schlief ich einen kleinen Nachmittagsschlaf bis um halb fünf. Ich überlegte, ob ich noch einmal ins Dorf gehen sollte, um mir eine Tanzperformance anzusehen, hatte aber keine Lust. Viel mehr Lust hatte ich darauf, mir heute ein richtig gutes Essen zu gönnen. Mir war beim morgendlichen Joggen ein kleines Hotel aufgefallen, nur knapp 200 Meter über den Reisfelddamm von meinem B&B entfernt. Im Netz hatte ich gelesen, dass Paul und Grace hier vor zwei Jahren ihren Traum vom eigenen Hotel verwirklicht haben, das auch ihren Ansprüchen als Weitgereiste genügt. Nun, mein B&B kostet ein Viertel des günstigsten Zimmers, aber das Hotel ist wirklich sehr schick, sehr edel und bis auf die schummrige Beleuchtung, mit der ich als halbblinder Mensch wenig anfangen kann, sieht das so aus, wie man es sich nur wünschen kann. Auf jeden Fall sagte mir aber die Karte des BBQ-Restaurants sehr zu, und ich entschied mich für eine Seebrasse mit Kapernsauce als Starter sowie Black Angus-Filet mit Rotweinsauce, dazu einen Weißwein aus Neuseeland (ja, da werde ich wohl auch das ein oder andere Weingut besuchen), weil ich Rotwein nicht so gut vertrage, obwohl es besser gepasst hätte.
Vor der Vorspeise kam als Gruß aus der Küche eine Mini-Bruschetta mit Kresse und salsa verde – ausgezeichnet! Als Brotteller gab es eine in Butter gebratene Briochescheibe mit Hummus – ebenfalls ausgezeichnet!
Die Vorspeise war dann schon fast eine Hauptspeise und, ja, wieder ausgezeichnet. Und während draußen die ersten Frösche zu quaken anfingen, dachte ich daran, wie sehr das dem Mann hier gefallen hätte. Sein leichter Hang zum Luxus wäre hier sehr erfüllt worden und das Essen hätte ihn ebenfalls begeistert. Zum Hauptgang kam dann das perfekt auf den Punkt Medium gebratene Filet. Die Kartoffel-Wedges hätten dazu nicht sein müssen, das war meine eigene schlechte Wahl. Dazu hätte sicher etwas anderes besser gepasst, z.B. Gratin. Der Service schenkte immer wieder kaltes Wasser nach und weil eine kleine Familie und ich die einzigen Gäste des frühen Abends waren, kam das Team abwechselnd, um mich ein wenig auszufragen.
Draußen funkelten die ersten Sterne und zwischen den Palmwedeln blinkte ab und zu ein Glühwürmchen und mit den selbstgemachten Zitronenwodka aufs Haus habe ich dann kurz in den Himmel geprostet. Bottoms Up to absent Friends.
Ich bezahlte (nicht günstig, das gebe ich zu) und lehnte die freundlichen Angebote ab, mich doch gratis mit dem Moped bis vor die Haustür zu fahren. Ich wollte, ausgerüstet mit einer Taschenlampe, noch ein bisschen über den Damm laufen. Angst vor Schlangen oder Überfällen habe ich hier keine. Im B&B war der Strom ausgefallen, aber der Haustechniker Wayan hatte das Problem nach einer Viertelstunde im Griff. Der Router für den bachseitigen Bereich blieb aber gestört, und so stellte ich mir über den besseren Handyempfang ein Netzwerk zum anderen WLAN-Netz des B&B her. Wie immer musste ich alles erst einmal im Web nachlesen, aber nun kann ich auch das und finde es wunderbar.
Dann saß ich noch ein wenig am Schreibtisch, hatte die Beine auf die Tischplatte gelegt, damit ich am nächsten Tag nicht wieder geschwollene Knöchel haben würde. Draußen plätscherte der Bach, die Grillen zirpten vor sich hin und aus dem Reisfeld sangen die Frösche ihr Lied. Ich wurde müde. Die kleinen, federleichten Ameisen krabbelten über meine Arme und Beine, das Laken kühl, der Ventilator auf Stufe 2 gedreht. Mir geht es schon ganz schön gut auf dieser Reise.

hach 🙂 – ich freue mich so, dass ich mitreisen kann. Ich spüre fast die Ameisen auf meiner Haut.
Das freut mich! 🙂 Aber glaub mir, du würdest sie nicht spüren wollen. Sie sind überaus lästig, wenn sie sich in Massen in deinem Bett befinden oder über deine Laptop-Tastatur wandern.
Also wenn du mir den Trick mit dem besseren WLAN Empfang erklärst, dann verlege ich mein home office gern an diesen besagten Schreibtsch. Gegen Hähne am frühen Morgen habe ich auch nichts!
Der WLAN-Empfang war dort so was von ausgezeichnet (bis auf das eine Mal)! 50 Hähne am Morgen stören dich nicht? Ah, Kinder daheim… 😉