Der Besuch (bei) der alten Dame.

„Jugendträume muss man ausführen.“
(Claire Zachanassian/Klara Wäscher)

So ganz taufrisch ist sie nicht mehr, die alte Dame, aber im Gegensatz zu Claire Zachanassian in Friedrich Dürrenmatts Stück hat sie weder Arme noch Beine aus Holz. Vielmehr ist ihr Rumpf aus Stahl, und bei richtiger Pflege kann sie noch weit älter als ihre 115 Jahre werden. Damit man ihr das Alter nicht ansieht, wird sie ein bisschen aufgehübscht. Damit sie ihre Gäste empfangen kann.

Ich bin ein früher Gast, einer, der lieber am Morgen zu Besuch kommt, denn ab zehn Uhr sticht die gleißend helle Sonne über die balinesische See und es wird sehr, sehr heiß. Das Jetty holt die Tourmanagerin Laura und mich an der Mole des kleinen Hafens von Serangan ab, ganz in der Nähe von Denpasar. Wy, der Deckmaster, steuert das kleine Beiboot einmal rundherum um Madame „Adelaar“, damit ich den Doppelmaster in seiner ganzen Pracht begutachten kann.

Warum ich überhaupt auf diesem Schiff bin? Ein Auftrag. Eine der Aufgaben, mit denen mich Freunde, Familie, Kollegen oder Wildfremde betraut haben. In diesem Fall ein Freund aus München, selbst Segler:

„Finde überall, wo es möglich ist, ein Segelschiff, möglichst Baujahr vor 1952, fotografiere es und erzähle seine Geschichte!“

Nun ist es eher weniger erfolgversprechend, in fremden Ländern schnurstracks in Häfen zu wandern und in Sprachen, die man nicht spricht, nach alten Seglern zu fragen. Daher habe ich vorher ein wenig Recherche betreiben müssen. In Kambodscha war kein Segler aufzutun, aber in Indonesien und hier glücklicherweise auch noch auf Bali, bin auf die Adelaar gestoßen. Eine kurze Anfrage gestellt, Laura gibt grünes Licht und ich darf an Bord gehen!

Es riecht nach frischer Farbe und Lösungsmittel, dem Make Up für Schiffe. Die alte Dame wird gerade auf Vordermann gebracht. Nur einige der Mannschaftsmitglieder sind gerade an Bord und arbeiten das Schiff auf. Kapitän Sam ist auf Fortbildung, andere nutzen die Zeit vor dem Auslaufen mit den nächsten Gästen für Urlaub daheim. Wir setzen uns auf Deckhöhe im Salon an den großen Tisch, an dem bei schlechtem Wetter gegessen wird. Und wieder ein neuer Geruch: Holz. Warmes Holz hat einen ganz eigenen Geruch und schafft sofort ein Heimatgefühl. Laura zeigt mir einige Image-Broschüren: schöne Schiffsbilder, Unterwasserfotos und Komodowarane! Dann geht es auf einen Rundgang. Überall ist das gleiche, hochglanzlackierte Holz verwendet, die Kabinen haben alle Annehmlichkeiten, die ein Luxusurlauber benötigt: Bad, Dusche, Toilette, Schreibtisch, Flatscreen, WiFi und viel Stauraum. In der Eignerkabine, die auch vermietet wird, scheint noch ein wenig der Geist der Besitzer zu leben.

Insgesamt gibt es nur vier Kabinen, die Zahl der Gäste ist also begrenzt. Das hat natürlich seinen Preis: mit gut 4.000 Euro muss man rechnen (ohne Anreise, ohne Nebenkosten). Pro Person. Das setzt schon eine gut gefüllte Geldbörse voraus. Die Adelaar wird aber auch als Vollboot-Charter angeboten, was z.B. Werbeagenturen für Fashion-Shootings nutzen.

Wir steigen aufs Oberdeck, in das Steuerhaus und obwohl das Schiff mit neuester Navigations- und Sicherheitstechnik ausgestattet ist, gibt es immer noch einen Kompass. Draußen auf Deck weht frisch gewaschene Wäsche der Crew und für einen Moment ist die Adelaar nicht die Luxuslocation für reiche Urlauber, sondern Lebensmittelpunkt hart arbeitender Männer.

 

„Alles verjährt! Eine alte, verrukte Geschichte!“
(Alfred Ill)

Für harte Arbeit gebaut wurde die Adelaar 1902 in den Niederlanden, ursprünglich als Fracht- und Handelsschiff unter Segeln, abhängig von guten Winden zwischen England, Schweden, Norwegen und Russland. Im zweiten Weltkrieg lief sie unter deutscher Flagge, wurde in „Heimatland“ umbenannt und transportierte kriegswichtiges Gut. Nach dem Krieg ging die einst stolze Adelaar in DDR-Besitz über, wurde mit Dieselmotoren versehen und ihrer Masten beraubt.

Später außer Dienst gestellt und aufgedockt, fristete sie ihr langsam verrostendes Schicksal an der ostdeutschen Ostseeküste. Bis der heutige Eigner auf den Plan trat. Er entdeckte 1979 die „Adelaar“ oder vielmehr das, was von ihr übriggeblieben war. Prof. Dr. Dr. Ben Pfeifer, damals noch Arzt an der Universitätsklinik Charité in Ost-Berlin, hatte eigentlich nur die beiden großen Anker kaufen wollen, aber ganz wie Claire Zachanassian es empfahl – „Jugendträume soll man ausführen“ – , war er kurz darauf im Besitz des gesamten Bootes. Es wurde nach Ost-Berlin gebracht und dann – 1981 war gerade in Polen das Kriegsrecht in Kraft getreten und die Grenzflüsse zwischen der DDR und Polen waren nach einer längeren Zeit der Visa-Freiheit wieder unüberwindbar – auf „geheimnisvollen Wegen“ in den Westen. Danach kreuzte die Adelaar, nun wieder nach altem Vorbild restauriert und mit Masten und Segeln versehen unter ihren Eignern durch die Meere der freien Welt. Komplett überholt und als Luxussegelyacht aufgebaut, steht sie seit den 90er Jahren im Dienst der wohlhabenden Touristen.

Die Geschichte der Adelaar ist so wechselhaft wie das vergangene Jahrhundert und seit fast vierzig Jahren eng mit der ihres Eigners verbunden. Erfolg und ein gutes Dasein hatten sie nach dem Ende der DDR beide. Hier schließt sich der Kreis zu Dürrenmatts reicher, alter Dame. So ganz auf die Schliche gekommen ist der reichen Claire, der kleinen Klara, der Geflohenen, dann doch keiner. Aber vielleicht erzählt mir der Eigner noch die Geschichte, wie er die Adelaar damals aus der DDR herausbekommen hat. Denn das muss doch ein wahres Abenteuer gewesen sein, ein lebensgefährliches noch dazu! Oder aber er schweigt, getreu dem Zitat der Dichterin Anais Nin in der Hochglanzbroschüre der Adelaar-Cruises: „Es gibt immer noch mehr Geheimnisse“.

Bootsspezifikationen

Holländischer Schoner / Königlicher Holländischer Seebrief (Bureau Veritas)
Registration: Indonesien
Maße: Länge: 38 m / Breite: 5,5 m / Tiefgang: 2,5 m

Bootsausstattung

Mercedes Marine Diesel (380 PS)
3 Generatoren 20 kVA bis 65 kVA
2 Bauer Tauchkompressoren
Nitrox-System
9 084 Liter/Tag Wasseraufbereiter
2 Aluminium Beiboote mit 40 PS Außenbordmotoren
ICOM HF Empfänger (alle Kanäle)
Inmarsat Mini-M Satellitentelefon & Fax
ICOM VHF Funkgerät
Nautilus Life Line für jeden Taucher

2 Gedanken zu “Der Besuch (bei) der alten Dame.

    1. Il nous faudra encore un peu du bonheur pour des tels voyages! Mais je prendrais aussi un bateau plus petit pour être satisfaite. 😉

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