Unter dem Firmament.

Am Ende der Schotterpiste, die ich mit dem Mietwagen laut Vertrag gar nicht befahren dürfte, liegt nur noch Farmland und dahinter das Meer. Ein wenig desorientiert steige ich aus, es hat seinen Preis, das Navigationsgerät trotzig im vorvorletzten Ort ausgeschaltet zu haben.

Die Landlady kommt aus dem verwinkelten Hofgebäude und fragt, wie sie mir helfen kann. Eigentlich wollte ich zum Campingplatz, sage ich, denn ich habe Morgen früh hier ganz in der Nähe eine Reittour gebucht. Ah, sagt sie, dann bist du hier richtig, das sind die Nachbarn, und sie zeigt etwas unbestimmt auf eine weitere Farm noch ein Stückchen weiter die Schotterpiste entlang. Im Frühabenddunst sehe ich nun auch Pferde, Rinder und die obligaten Schafe verstreut auf den Weiden davor grasen. Nur den Campingplatz, den hätte ich vor ungefähr sieben Kilometern Schotterpiste verpasst.

Aber wenn du willst, kannst du auch hier übernachten, sagt sie, wir haben ein Zimmer frei von der Tochter, das vermieten wir, Frühstück gibt es auch. Ich überlege, denn eigentlich habe ich ja heute im Warehouse in Auckland ein Zelt, einen Schlafsack, eine selbstaufblasende Matte und einen Drei-Liter-Kanister voll Wasser gekauft und den Sturkopf, alles auch zu benutzen. Kann ich auch im Zelt auf eurem Land übernachten, geht das, frage ich. Sie zieht verwundert die Augenbraue hoch und sagt: ja, klar. Ich übersetze kurz: Die deutsche Frau ist bekloppt, sieht aber harmlos aus. Ich beeile mich zu sagen, dass ich mir ja extra ein Zelt gekauft habe und es auch mal wieder ausprobieren möchte.

Sie nickt, aber sie möchte nur rasch ihren Mann fragen, der hat hier das Sagen. Na, toll, denke ich, da hätte ich mir von einer Neuseeländerin aber mehr Feminismus erwartet. Da kommt er auch schon, ein Maori, er so dunkel wie sie blond. Nau mai ki roto i te reka, sagt er, Willkommen in meinem Haus. Du willst hier dein Zelt aufschlagen? Sicher in den Dünen, ganz nah am Meer? Ich nicke. Er grinst. Gut, ich zeige dir, wo. Ich belade mich mit meinem Kram und stapfe ihm hinterher. Es geht einen kleinen Pfad voraus, weg von der Farm, durch duftenden Baumbestand. Die Zikaden veranstalten einen Höllenlärm. Dazwischen ruft ein Tui-Vogel, ein Bellbird schlägt auch an. Das hatte ich irgendwie vergessen, diesen Krach, wenn man auf dem Land ist.

Er fragt, was ich so vorhabe und dass ich jederzeit ins Haus kommen kann. Es kämen häufig Besucher hierher, es sei ein schönes Fleckchen Erde. Sein Clan, der Ngati Wai, wäre schon seit Beginn der Maori-Einwanderung Hüter dieses Landstriches und er der Chef. Ah, also doch keine unterwürfige Ehefrau, sondern Tradition. Er weist mir einen Platz zwischen Bäumen, Büschen und Dünen zu, sichtbar planiert und ordentlich mit einem Abfallbehälter versehen. Bitte nichts liegenlassen, den Müll wegräumen und kein Feuer machen, gibt er mir mit. Dann bin ich allein mit meinem Zelt, das ich noch im schwindenden Licht aufbauen muss. Ich muss mich beeilen. Um es kurz zu machen: ich danke den Outdoor-Spezialisten für immer simplere Zeltkonstruktionen. Ein Wurfzelt ist ein Wurfzelt, sofern es in einer windgeschützten Mulde geworfen wird. Alles aufgebaut und eingeräumt, hole ich aus dem Auto noch eine Flauschdecke und ein Flauschkissen (Flausch, aber sowas von!), die ich ebenfalls heute erstanden habe – für schlechte Tage und dringenden Flauschbedarf, man kann ja nie wissen.

Dann ist es vollbracht. Ich sitze insektengesprayt beschützt vor meinem Zeit, knabbere Cracker und Schokolade und trinke dazu zwei Bier. Sieht ja keiner. Denn ich bin wirklich allein. Naja, wenn man davon absieht, dass die Lichter des Farmhauses durch die Bäume noch gut zu sehen sind. Meine Stirnlampe gibt Licht, um noch ein wenig zu lesen, und die elektronischen Gerätschaften hängen am Akkuspeicher. Ich horche dem Rauschen des nahen Pazifik, der laue Wind streicht durch die Büsche, und selbst die Zikaden haben Feierabend. Es wird ruhig.

Plötzlich werden über mir die Sterne angemacht. Ich suche nach vertrauten Bildern wie dem großen Wagen, aber am anderen Ende der Welt steht alles Kopf. Außerdem ist es egal. Es funkelt und glitzert wie ein Diamantenarmband. Wer auch immer das da oben erfunden hat: guter Job, danke. Und wer auch immer dafür gesorgt hat, dass Wellen nachts fluoreszieren, sobald sie am Strand brechen: du alter Romantiker! Unterm Firmament werden die Gedanken leicht. Was, wenn ich der einzige Mensch wäre? Niemand sonst, nur ich, an diesem Strand, für immer und ewig. Ich und das Universum. Wir zwei.

Zwei Bier reichen aber auch. Ich gehe schlafen und in die Träume mischen sich die Brandung des Meeres und das Rufen des Moreporks. Den googlen Sie mal schön selber.

2 Gedanken zu “Unter dem Firmament.

  1. Ich fang gleich an zu weinen vor Freude. Ich mein, wenn einer solche Erlebnisse und so einen Sternenhimmel verdient hat, dann ja wohl du.

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