Temblores und Terremotos.

Als an einem Samstagabend in Santiago de Chile die Gläser im Regal hin und her wandern, der Fernseher wackelt und dann auch noch das Haus beginnt zu schwanken, ist klar: ein Erdbeben! Das erste, das ich nicht verschlafe wie jenes in Wellington, das mit 4.2 auf der Richterskala durchaus bemerkenswert gewesen wäre. Aber ich habe eben einen festen Schlaf und dereinst muss wohl die Apokalypse ohne mich stattfinden…

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Aber zurück zum Erdbeben. Während ich mich noch nicht entscheiden konnte, ob ich in Panik aus dem Haus stürzen oder mich mit stoischer Gelassenheit erst einmal im – nach wie vor rausgezeichnet funktionierenden – Internet über den Ernst der Lage informieren sollte, sprang mit einem Knall die Tür zum Wandschrank auf. Bücher, Haushaltsutensilien und der Schlafsack plumpsten auf den Boden. Nun wurde mir doch etwas mulmig, bis nach einer Minute der Spuk vorbei war. Auf der Straße blieb alles ruhig und getreu der Devise „do it as the locals do“ räumte ich den Wandschrank wieder ein und versuchte, meine flatternden Nerven wieder unter Kontrolle zu bekommen.

Per WhatsApp wurde mir vom großen Chilenen freundlich beschieden, ich solle mich wieder beruhigen, es sei doch gar kein Erdbeben („Terremoto“) gewesen, sondern nur simple Erdstöße („Temblores“). Nun erschließt sich mir als Mitteleuropäerin diese Unterscheidung nicht, aber nun, wenn der wohlgemeinte Ratschlag lautet „ruhig bleiben und ein Glas Wein trinken“, halte ich mich natürlich daran. Allerdings steht seitdem eine gepackte Notfalltasche neben der Wohnungstür.

(Und es war doch ein Erdbeben! Mit 6.9 Magnitude vor der Küste Valparaísos ist das ein Erdbeben!)

Was es allerdings mit dem sehr beliebten Cocktail „Terremoto“ auf sich hat, werde ich noch genauer testen…

Consuelo.

Es ist dunstig an diesem Tag. Staub liegt in der Luft, und dass die Pferde ungeduldig mit den Hufen stampfen, macht es nicht besser. An meinen rechten Arm klammert sich Consuelo. Sie hält mühsam die Balance, denn ihre rechte Seite ist gelähmt. Ein Schlaganfall mit nicht einmal 33, kurz nach der Geburt ihrer zweiten Tochter. Consuelo hatte noch Glück. Ihr Mann brachte sie schnell in die Clinica Alemana, zu einer der wenigen Stroke-Units in Santiago de Chile. Schlaganfälle sind in Chile die häufigste Todesursache. Consuelo weiß nicht, warum es ausgerechnet sie erwischt hat. In verschliffener Sprache erklärt sie mir, dass sie immer gesund gelebt hat.

Nun kommt sie einmal wöchentlich zur Hippotherapie, der Physiotherapie auf dem Pferderücken. Die Pferde sind allesamt geschult, gelten als besonders geduldig und kindererprobt und kommen auch gut mit den oftmals ungewohnten Lautäußerungen der kleinen und größeren Patienten mit Handicap zurecht. Ich gehe auf der rechten Seite des Pferdes, während die Physiotherapeutin Julia auf der linken geht und Anweisungen gibt: „Consuelo, bitte nimm den Balancierstock höher und konzentriere dich! Stefanie, hol die Ringe, die brauchen wir für die nächste Übung.“ Consuelo macht ihre Übungen selbstständig, sie ist es gewohnt, aber manchmal hilft es sicherlich, wenn die Therapeutin fordert.

Es ist heiß mit fast 30 Grad, selbst für Santiago de Chile im Herbst – in Deutschland ist der Oktober das Äquivalent zum April. Consuelo schwitzt, ich schwitze schon seit Stunden, nur Julia scheint aus unschmelzbarem Material. Nach einer halben Stunde Balance-, Bauch- und Beweglichkeitsübungen wird Consuelo wieder auf den Beifahrersitz neben ihre Mutter klettern. Vorher reicht sie dem „Jefe“, dem Therapiepferd, eine Mohrrübe und bedankt sich bei Julia und mir. Ich denke noch lange über diese bildschöne Frau nach. Während ich mit Ignacio schäkere, dem zauberhaften Jungen mit Down-Syndrom, der motorisch stark eingeschränkten Loly mit dem Spucktuch den Speichel vom Hals wische, Hilfsmaterial hole und zurück bringe, den Physiotherapeuten zur Hand gehe und Runde um Runde mit den Pferden laufe, denke ich darüber nach, wie viel Glück in allem Unglück mir das Leben doch letztendlich beschert hat.

Good bye, Neuseeland (oder: Kiwi 2.0).

Am Ende einer Reise steht immer ein Eindruck, ein Fazit des Landes. Um es vorweg zu nehmen: man kann sich sehr, sehr wohl fühlen bei den Kiwis. Und damit meine ich nicht den puscheligen kleinen Vogel, das Nationaltier Neuseelands. Die Einwohner nennen sich bekanntermaßen ebenfalls Kiwi und sind durchweg entspannte, aufgeschlossene und hilfsbereite Menschen. Wer sich selbst mit einem halbblinden, nachtaktiven und flugunfähigen Vogel identifiziert, hat ohnehin einen sehr sympathischen Sinn für Humor!

Neben der großartigen Natur jedoch verblasst alles. Angefangen von den Baumfarnwäldern über die Vulkanregion rund um Taupo, Rotorua und Tongariro bis zum artenreichen Abel-Tasman-Nationalpark – vom Wasser aus erkundet noch einmal eine besondere Erfahrung! Besonders die Vogelwelt ist sehr spannend, auch wenn sich das neuseeländische Nationaltier selbst bei einer geführten Nachttour gut versteckt hält. Die allgegenwärtigen Tui sind ohnehin viel charmanter und auch deutlich melodischer unterwegs.

Als junge Nation und Einwanderungsland stehen Individualismus und entspanntes Umgehen mit Multikulti hoch im Kurs. Anders als die Aborigines in Australien haben die Maori eine Stimme – neben Englisch und Maori* ist übrigens die Gebärdensprache dritte Amtssprache -, und bis auf wenige Ausnahmen scheint das Miteinander sehr gut zu funktionieren. Genügend Platz zum Ausweichen ist jedenfalls vorhanden – Autofahrten zum Beispiel vor der Vulkankulisse des Mount Ngauruhoe über eine halbe Stunde hinweg ohne weiteren Verkehr bringen den Reisenden dazu, sich wie der einzige Mensch auf dem Planeten zu fühlen.

*Hier gibt es ein sehr hilfreiches Online-Maori-Dictionary

Indes, verbunden ist man via WiFi an fast jedem Ort der Insel, und insbesondere die beinahe überall gepflegte gute Sitte des kostenfreien WLAN in Bars, Cafés, Restaurants und Hotels macht es dem Reisenden sehr leicht, seine Planungen voranzutreiben. Die meisten Aktivitäten lassen sich online buchen, via Booking.com oder ähnliche Portale ist es überhaupt kein Problem, sich die nächste Übernachtung zu suchen. Staatliche wie private Einrichtungen haben meistens gut geführte Webseiten, deren Informationen leicht zugänglich sind. Besonders gut präsentieren sich natürlich die oben genannten Touranbieter für Vogelbeobachtungen. Der Kiwi 2.0 ist also lebendiger denn je. Übrigens hat Neuseeland nun auch eine Top Level-Domain namens .kiwi, die langsam aber sicher ihren Nutzerkreis erweitert. Was allerdings bei mir leichtes Bauchgrimmen hervorruft, wenn eine der verbreiteten Metzgereiketten namens „Mad Butcher“ mit .kiwi wirbt. Man möchte dem heimischen Vogel dann doch ein sicheres Überleben wünschen…

Ein ganz klein wenig habe ich dann doch mein Herz an dieses wunderbare Land am Ende der Welt mit seinen wunderbaren Menschen und Tieren verloren. Vielleicht komme ich dereinst zurück und sichere mir noch mehr Rosamunde-Pilcher-Ausblicke an einsamen Fjorden und Stränden. Oder, wie es in dem traditionellen, neuseeländischen Song „Going for a Tramp“ (1923) heißt:

For your wife don’t take a „Vamp“
But choose a warming healthy tramp
One with you will fondly stay
Over the hills and far away.

Weiterführende Links und Empfehlungen „Good bye, Neuseeland (oder: Kiwi 2.0).“ weiterlesen

Unsere Wege.

Zart streicht sie über die Oberfläche des Holzstückes. „Das ist Fichte, daraus werden die Oberseiten gemacht. Und für die Unterseiten verwendet man Ahorn.“ An der Stirnwand ihrer Werkstatt sind sie fein säuberlich sortiert: Hölzer, aus denen später feinste Klänge kommen sollen. Und sie ist die Meisterin, die das Material mit sanfter Gewalt dazu zwingen wird. Annette ist Geigenbauerin.

In ihrer Werkstatt in einem der grünen Viertel Aucklands arbeitet sie die Instrumente von Amateur- und Berufsmusikern auf, baut aber auch eigene Geigen. Gelernt hat sie ihr Handwerk in der schon 1858 gegründeten Geigenbauschule in Mittenwald. Danach der klassische Gesellenwerdegang in verschiedenen Ländern und die Meisterprüfung. Hier, am von Deutschland aus gefühlten Ende der Welt, hat sie ihr privates und berufliches Glück gefunden und ist damit eine der wenigen unseres Abiturjahrgangs, die über europäische Grenzen hinweg ihren Weg machte.

Eine zufällig hergestellte Verbindung, eine schnell und spontan geschriebene Mail und unsere Wege kreuzen sich das erste Mal seit 27 Jahren wieder. Sie zeigt mir ihre Werkstatt und erklärt mir, warum die Bogenbespannung von Streichinstrumenten ausschließlich von männlichen Pferden stammen*. Und erzählt, wie eine Geige gemacht wird. Ein faszinierendes Handwerk, das hoffentlich nie ausstirbt. In Neuseeland gibt es vielleicht zwei Dutzend Geigenbauer.

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Wir trinken Kaffee, essen Geburtstagskuchen und schauen der quirligen Tochter beim Unsinnmachen und dem müden Babysohn beim Einschlafen zu. In diesem Haus wohnen glückliche Menschen, so denke ich bei mir. Und: was doch so aus uns wurde, nachdem wir vor bald dreißig Jahren mit dem Abschlusszeugnis in der Hand die Schule verließen, voller Vertrauen in die Zukunft, optimistisch und Willens, der Welt unseren Stempel aufzudrücken. Haben wir es getan?

Eine Geige kann auch nach Jahrhunderten noch klingen, wenn sie gut gemacht ist. Annette hat es in der Hand.

 

*Weil Hengste Schweifabgewandt pinkeln.

Ranui heißt Mittag.

Dieser Beitrag ist Teil des „Wunschzettels“ von Freunden, Familie und Leserinnen.

Für den Nachmittag ist Regen angesagt, also ziehe ich den Fototermin lieber um einige Stunden vor. Mein Modell heute ist die „Ranui“, was auf Maori soviel wie „mitten am Tag“ heißt. Leider hat Richard dann keine Zeit. Als Anwalt für Marine- und Umweltrecht in eigener Kanzlei ist er gut beschäftigt, wenn er nicht gerade mit seiner „Mittagsfrau“ – der knapp 22 Meter langen Ketsch „Ranui“ – unterwegs ist, um im Auftrag der neuseeländischen Regierung junge Segler auszubilden oder für den von ihm mitgegründeten NZ Children’s Health and Education Trust Hilfsgüter und Unterrichtsmaterialien bis nach Vanuatu zu bringen.

Die Ranui kann auf eine bewegte Geschichte zurückblicken – ebenso wie ihr Besitzer. 1936 gebaut aus dem Holz der einheimischen Kauri- und Totarabäume, war das Boot zuerst als Lastensegler für Fisch und Holz unterwegs. Im zweiten Weltkrieg wurden Rumpf und Segel in der Tarnfarbe der Royal Navy versehen und das Schiff als Spionageabwehrboot in die nördlichen Archipel rund um Auckland geschickt.

Ein sehr charmanter Film zeigt die Abenteuer der Ranui und ihrer Besatzung nach dem zweiten Weltkrieg auf einer kleinen, sturmumtosten Insel – mit Seelöwen! Mit Pinguinen! In Schwarzweiß!

In den 50er Jahren des 20. Jahrhundert wurde die Ranui royalen Zwecken zugeführt: als offizielle Staatsyacht für Königin Salote von Tonga. Drei Jahre danach endete das kurze Zwischenspiel als königliches Gefährt, und die Ranui lud wieder Fracht: Langusten und Austern. Ab 1991, nach dem Verlust der Austernzuchtbestände durch einen Parasiten, wurde ihr Einsatz nach und nach unrentabel und dem Boot drohte die Abtakelung.

1996 dann trat ihr heutiger Besitzer Richard auf den Plan. Der frühere Seemann, studierter Anwalt und aktiver Olympiateilnehmer, kaufte die Ranui und ließ sie zu einer Reise- und Charteryacht umbauen. „Ich wollte ein Boot, das sicher für meine junge Familie ist“, so Richard in einem Radiointerview.

In den Folgejahren segelte er über 60.000 Seemeilen mit seiner Familie, rettete mit seiner Crew in Seenot geratene Expeditionsteilnehmer und vercharterte die Ranui an verschiedene Projektteams, bevor das Boot schwerpunktmäßig dem heutigen Zweck zugeführt wurde.

Bootsspezifikationen

Ketsch / Baujahr: 1936 nach Plänen von Korinius Larsen
Registration: Neuseeland
Maße: Länge: ca. 22 m) / Breite: 5,3 m / Tiefgang: 2,7 m
Segelfläche: rund 2.900 Quadratfuß (ca. 270 qm)

Ausstattung
Doppelantrieb Diesel Detroit mit 370 PS