Es ist dunstig an diesem Tag. Staub liegt in der Luft, und dass die Pferde ungeduldig mit den Hufen stampfen, macht es nicht besser. An meinen rechten Arm klammert sich Consuelo. Sie hält mühsam die Balance, denn ihre rechte Seite ist gelähmt. Ein Schlaganfall mit nicht einmal 33, kurz nach der Geburt ihrer zweiten Tochter. Consuelo hatte noch Glück. Ihr Mann brachte sie schnell in die Clinica Alemana, zu einer der wenigen Stroke-Units in Santiago de Chile. Schlaganfälle sind in Chile die häufigste Todesursache. Consuelo weiß nicht, warum es ausgerechnet sie erwischt hat. In verschliffener Sprache erklärt sie mir, dass sie immer gesund gelebt hat.
Nun kommt sie einmal wöchentlich zur Hippotherapie, der Physiotherapie auf dem Pferderücken. Die Pferde sind allesamt geschult, gelten als besonders geduldig und kindererprobt und kommen auch gut mit den oftmals ungewohnten Lautäußerungen der kleinen und größeren Patienten mit Handicap zurecht. Ich gehe auf der rechten Seite des Pferdes, während die Physiotherapeutin Julia auf der linken geht und Anweisungen gibt: „Consuelo, bitte nimm den Balancierstock höher und konzentriere dich! Stefanie, hol die Ringe, die brauchen wir für die nächste Übung.“ Consuelo macht ihre Übungen selbstständig, sie ist es gewohnt, aber manchmal hilft es sicherlich, wenn die Therapeutin fordert.
Es ist heiß mit fast 30 Grad, selbst für Santiago de Chile im Herbst – in Deutschland ist der Oktober das Äquivalent zum April. Consuelo schwitzt, ich schwitze schon seit Stunden, nur Julia scheint aus unschmelzbarem Material. Nach einer halben Stunde Balance-, Bauch- und Beweglichkeitsübungen wird Consuelo wieder auf den Beifahrersitz neben ihre Mutter klettern. Vorher reicht sie dem „Jefe“, dem Therapiepferd, eine Mohrrübe und bedankt sich bei Julia und mir. Ich denke noch lange über diese bildschöne Frau nach. Während ich mit Ignacio schäkere, dem zauberhaften Jungen mit Down-Syndrom, der motorisch stark eingeschränkten Loly mit dem Spucktuch den Speichel vom Hals wische, Hilfsmaterial hole und zurück bringe, den Physiotherapeuten zur Hand gehe und Runde um Runde mit den Pferden laufe, denke ich darüber nach, wie viel Glück in allem Unglück mir das Leben doch letztendlich beschert hat.