Good Bye, Chile.

Am Ende einer Reise steht immer ein Eindruck, ein Fazit des Landes. Ich bin mir immer noch nicht sicher, ob meine Reise durch oder nach Chile bereits beendet ist, denn: ich habe ja noch eine Wüste offen. Vamos a ver!

Nach fast zwei Monaten Leben, Arbeiten und Reisen in Chile (und Santiago) ist es schwer, ein objektives Fazit zu ziehen. Ein Land und seine Bewohner zu verstehen, wenn man die Sprache nur unzureichend spricht, ist ungleich schwerer. Noch mehr, wenn die Sprache nur ansatzweise etwas mit dem Spanisch zu tun hat, das ich einst an der Uni versucht habe zu lernen (ohne nennenswerten Ehrgeiz und damit auch Erfolg). Das Beherrschen des Chileno Modernismo gibt dem Fremden erst die Street Credibility. Von Wea, Weon über Chuta und weitere Phrasen gilt es, sich dann noch in den genuschelten Singsang der Chilenen einzuhören.

Umso besser, wenn einen dann jemand an die Hand nimmt und einen kleinen Blick unter die Oberfläche gewährt. Dorthin, wo das Herz sitzt. Das schlägt sehr traditionsbewusst und bei den Herren durchaus mit Machismo. Und vor allem für das Land selbst und seine Vielfalt: das gute chilenische Bier! Crudo! Sopaipillas! Alles mit Meeresfrüchten! Pisco Sour (igitt)! Sogar die vielen Erdstöße und kleinen Erdbeben werden mit einer gewissen Befriedigung wahrgenommen, denn schließlich: das ist Chile!

Die Familie geht über alles, es sei denn, man ist die Mittwochs- oder Donnerstagsfrau und wird an diesen Tagen diskret in ein Stundenhotel ausgeführt – der Chilene an sich hat ein großes Herz für die Damenwelt. Die Chileninnen nehmen es mit Humor und legen dann und wann telenovelareife Szenen hin, wenn sie den Mann nicht einfach irgendwann vor die Tür setzen oder sich mit einer kleinen Affäre revanchieren. Bei aller Tradition: an Selbstbewusstsein mangelt es den Frauen hier nicht. Wie schade, dass ich die wirklich tollen Frauen erst so spät kennengelernt habe. Chapeau, Mesdames!

Als längstes Land der Welt hat Chile auch noch eine beeindruckende Bandbreite an Landschaften – viel zu viel Land, um alles in so kurzer Zeit sehen und entdecken zu können. Durchatmen lässt es sich am besten im Süden, in Patagonien. Dort, wo die Erde auf einer anderen tektonische Platte schon nicht mehr atmet und vibriert und stattdessen ein antarktischer Wind weht. In Valdivia und Umgebung sieht es aus wie im Weserbergland oder wahlweise der schwäbischen Alb, je nach Meinung der dort lebenden Deutschstämmigen, während in nicht allzu weiter Entfernung Vulkane zu sehen sind oder der feuchte Pazifikwind die Kleidung in den Schränken schimmeln lässt. Und dann so vieles mehr, das es zu sehen gilt.

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Aber nun bin ich in Buenos Aires und habe ein neues Land zu entdecken, ein Land, mit dessen Bewohnern gerade die traditionsbewussten Chilenen eine Hassliebe verbindet. Da wird gern mal über den Nachbarn auf der anderen Seite der Anden gelästert und gestänkert – umgekehrt übrigens genauso…

Ich habe Chile ein kleines Stück meines Herzens geschenkt. Und eine etwas ungewollte Zimmerpflanze. (Please, try not to kill her immediately, ok?) Wenn beides gut gepflegt wird, komme ich vielleicht noch einmal zurück.

Also: vamos a ver!

Las mujeres fantásticas.

„Wie, du reist allein? Als Frau? Was sagt dein Mann dazu? Und deine Kinder?“

Die klassische Frage, so oft gestellt auch in  anderen bereisten Ländern, aber nie so häufig wie in Chile (und in Indien). Hier ist es fast undenkbar, dass eine Frau sich dem klassischen Rollenbild verweigert, obgleich Chileninnen sehr selbstbewusst auftreten und durchaus ihre Frau stehen. Dennoch sitzen nur knapp 17 % Frauen in den Chefsesseln des Spitzenmanagements. Anders als in Europa, den USA und Kanada, wo der Anteil weiterhin bei knapp 25 % bleiben wird, soll sich dieser Wert in Lateinamerika allerdings laut einer Studie bis ins Jahr 2025 auf rund 44 % erhöhen. Aber die Familie hat Vorrang, und so ist nur knapp die Hälfte der Chileninnen berufstätig. Immerhin gab es in den vergangenen Jahren einen deutlichen Anstieg der Frauenerwerbsquote. Und seit 2015 gibt es ein eigenes „Ministerium für Gleichberechtigung“.

Doch bis dahin ist es noch ein langer Weg. Der Machismo ist in Chile mindestens so ausgeprägt wie in anderen hispanisch geprägten Ländern. Und der Arm der katholischen Kirche ist lang und reicht bis in die Lobbyverbände der Politik. Seit langem kämpfen Frauenverbände für ein Recht auf Abtreibung, denn bislang sind diese in Chile komplett verboten; egal, ob die Gesundheit der Frau gefährdet ist, das Kind durch Gewalt entstand oder einfach nur durch eine ungewollten Schwangerschaft. Die betroffenen Frauen sind somit zu Abtreibungen im Ausland oder in illegalem Rahmen gezwungen.

Eine andere Form von Frausein spaltet derweil immer noch die Meinungen: „Und mujer fantástica“ des argeninisch-chilenischen Regisseurs Sebastian Lelio – 2017 in Berlin mit dem silbernen Berlinale-Bären ausgezeichnet – ist die transsexuelle Kellnerin und Sängerin Marina. Sie lebt gemeinsam mit ihrem Geliebten, der für sie seine Familie verließ. Nach dessen plötzlichen Tod verliert sie nicht nur das Wohnrecht – die in Chile mögliche eingetragene „Union civil“, das Äquivalent zur in Deutschland möglichen eingetragenen Lebenspartnerschaft hatten beide nicht umgesetzt – sie wird von der Familie ihres Geliebten auch noch beleidigt und körperlich misshandelt. Die Unfähigkeit Marinas, öffentlich trauern zu können, die innere Leere nach dem Verlust von Heim, Hund und Auto, die Verachtung und Missachtung der Gesellschaft, all das zwingt Regisseur Sebastian Lelio in mitunter statische und konstruierte Szenen und überlange Kamerafahrten durch die nicht eben zauberhaft schönen Hochhausschluchten Santiagos. Die Stärke der Protagonistin, dann doch für sich eine öffentliche Trauer einzufordern, das Wiederaufstehen nach Verlust und Niederlage – man hätte es auch kürzer und dynamischer in Bilder fassen können. Nichtsdestotrotz beschreibt der Film recht gut, wie abschätzig Transmenschen in der Öffentlichkeit beobachtet werden, wie offen gezischelt wird. Das geheime „hihihi“ und „hast du gesehen“ – es ist in einem bayerischen Dorf ebenso vertreten wie in der chilenischen Millionenstadt Santiago.

Umso besser, wenn sich Frauen aller Couleur auch weiterhin für ihre Rechte einsetzen. Dann hören vielleicht auch diese Fragen nach der Meinung des Mannes auf.

El Condór.

Halbrheinisches Format, 16 Seiten, viele Bilder und zeitgemäßer Auftritt: El Condór.

Das Nationaltier Chiles kommt papiern im halbrheinischen Format daher. Und es spricht deutsch. „El Condór“ ist Chiles drittälteste und einzige deutschsprachige Zeitung.  Sie geht auf die seit Mitte des 19. Jahrhunderts wachsende Zahl deutscher Einwanderer zurück, die nach aktiven Anwerbeaktionen besonders in den südlichen Landesteilen Chiles Quartier bezogen. Dort entstanden nicht nur Brauereien, Vereine und deutsche Schulen sondern auch Zeitungen, die den Einwanderern mehrfach wöchentlich Neuigkeiten präsentierten. So zum Beispiel die „Deutschen Nachrichten“, deren erste Ausgabe am 17. November 1870 erschien. Mehrere Wettbewerber folgten, unter anderem die „Deutsche Zeitung für Südchile“ und die „Deutsche Zeitung“ – beide in Valdivia herausgegeben, einem der Zentren der deutschen Einwanderer. Von den rund 25 deutschsprachigen Zeitungen in Chile überlebten aber nur wenige bis zum zweiten Weltkrieg.

Den „Condór“ gibt es seit 1938. Entstanden ist die Wochenzeitung in Santiago aus dem Zusammenschluss mehrerer deutscher Zeitungen in Chile unter der Ägide des Deutsch-Chilenischen Bundes, der auch heute noch Träger und Herausgeber der Zeitung ist. Benannt wurde die Zeitung ganz bewusst nach dem chilenischen Nationaltier, um die Verbundenheit der in Chile lebenden Deutschen mit der neuen Heimat zu zeigen.

Chefredakteur seit 2011, Redaktionsmitglied seit 2005: Arne Dettmann. Der Norddeutsche studierte Politikwissenschaften und Journalistik und volontierte bei einer Zeitung in Schleswig-Holstein.

Der heutige Chefredakteur des Condór, Arne Dettmann, kam 2005 für die Arbeit nach Chile – und blieb der Liebe wegen. Mittlerweile Vater von zwei Söhnen im schulpflichtigen Alter und bestens arriviert, sorgt er dafür, dass die rund 7.000 Exemplare wöchentlich ab Freitag in die Verteilung gehen. „Wir beliefern hauptsächlich Schulen, Institutionen, deutsche Unternehmen und etliche Abonnenten von Santiago bis in den Süden. Die Schulen nutzen die Zeitung für ihren Deutschunterricht.“ Der Fokus liegt daher neben der Aufbereitung aktueller Nachrichten auf landesübergreifenden Themen, die sowohl den chilenischen als auch deutschen Leser interessieren: Umweltschutz und Erneuerbare Energien, Kultur und Wirtschaft. Zudem kommt neben Spezialauflagen und Sonderbeilagen zweimal im Monat das Supplement „Kondor-Junior“, explizit mit Themen für Kinder.

Der deutsch-chilenische Bund sorgt dafür, dass die Zeitung weiterhin existieren kann, obwohl der Anzeigenanteil den Hauptteil der Finanzierung ausmacht. Aber wie sieht es mit der Leserschaft aus? Stirbt sie nicht langsam aus in der polyglotten Gesellschaft, in der Englisch als Weltsprache bevorzugt erlernt wird – auch von den Kindern mit einem deutschen Elternteil? „Das ist naturgemäß so. Auch in zweisprachigen Familien gewinnt irgendwann das Spanische die Oberhand, einfach, weil es im Alltag Vorrang hat. Aber wir haben ja noch die in Chile sehr beliebten deutschen Schulen, wo der Condór gelesen wird. Das alles dient der Pflege der deutschen Sprache im Ausland.“ Obwohl die Internetpräsenz wie auch die Optik der Zeitung regelmäßig überarbeitet werden, ist die jüngere Leserschaft außerhalb der Schulen rar gesät. Bedroht ist die Zeitung allenfalls von der Konkurrenz des schnellen Internets und der anderen Nachrichtenantizipation der jüngeren Generation. Aber es gibt eine Facebookpräsenz und „die jüngeren Mitarbeiter und Praktikanten bringen auch immer wieder neue Impulse ein“, wie Dettmann schmunzelnd erzählt.

Anders als sein Konterpart in der Tierwelt ist damit also wohl genügend Lebensraum gesichert, um die Zeitung auch in einigen Jahren lesen zu können. Denn der Nationalvogel verzeichnet eine zurückgehende Population in Chile und allen anderen Habitaten. In der Zeitungssprache würde man von einem massiven Auflagenverlust sprechen. Was könnte einen der größten Greifvögel der Welt retten?

Vielleicht ein Thema für „El Condór“…

Atacama-Drama.

El martes, ni te cases, ni te embarques, ni de tu casa te apartes.

Stellen Sie sich eine Wüste vor. Die trockenste Wüste der Welt. Dazu noch Geysire, heiße Quellen, Lagunen mit Flamingos und bizarre Salzlandschaften. Die Luft ist klar und die Sonne brennt auch im Herbst immer noch unbarmherzig vom Himmel, während die Nächte Stein und Bein frieren lassen.

Das alles ist die Atacama-Wüste.

Und ich war nur einen Steinwurf entfernt, alles das zu sehen. Also einen Steinwurf von 833 Kilometern. Den Stein hätte ich von Copiapó nach San Pedro de Atacama werfen müssen, dem eigentlichen Ziel meiner Reise. Leider habe ich beim Buchen übersehen, dass der nächste Flughafen zu San Pedro de Atacama Calama heißt und nicht Copiapó. Und so stand ich an einem schönen Dienstagmorgen vor dem wirklich sehr kleinen Flughafengebäude in Copiapó und wunderte mich, dass der Tour Operator keinen Wagen geschickt hatte. Ein freundlicher Taxifahrer fragte, wohin ich denn wolle und nach kurzer Sichtung der Unterlagen wiegte er bedächtig den Kopf und sagte: „Mädchen, du bist hier falsch. Das ist viel zu weit entfernt. Du musst zum Flughafen nach Calama.“ Calama klingt irgendwie sehr nach Kalamitäten und ab sofort heiße ich Calamity Jane, das passt.

Nach Rücksprache mit dem Flughafen-Personal, der Reiseagentur und mir selbst war klar: das schaffe ich heute nicht mehr. Nicht mit dem ausgebuchten Flug nach Antofagasta, nicht mit dem Anschlussbus nach Calama und nicht mit dem eigentlich geplanten Ausflug ins Valle de la Luna am Abend. Auch der Autobus, der von Copiapó nach Norden fährt, hätte mich maximal gegen Mitternacht in Antofagasta abgesetzt, einer überaus charmelosen Industrie- und Durchgangsstadt.

Die Schalterdame von LATAM überlegte kurz und gab mir einen Zettel mit der Summe eines Flugtickets zurück nach Santiago. Knapp 50.000 CLP, Fensterplatz am Notausgang. Ob ich denn wolle? Das sei ein Sonderpreis. Und auch die Reiseagentur stornierte netterweise alle Touren und Transfers ohne Mehrkosten.

Und so kam es, dass ich knapp eine Dreiviertelstunde am Rande einer Wüste herumorganisierte. Um dann doch wieder wohlbehalten in Santiago zu landen. Das wird nie wieder passieren. Auch nicht einer Calamity Jane.*

Dieses Land will mich anscheinend noch einmal wiedersehen. Schließlich habe ich noch eine Wüste offen.

*Die das 2005 auch schon einmal schwor, als sie am Flughafen von Madras (Indien) stand und ihr die Schalterdame erklärte, dass sie doch am 23. Februar zurück nach Mumbai hätte fliegen müssen und das sei gestern gewesen. (Einen raschen Stempeldruck und eine Unterschrift später hatte ich die Menschen wieder lieb.)

Schönheit in Nöten: Valpo.

Hafenstädte sind ja so eine Sache für sich. Manche nehmen einen nach Knoblauch und billigem Fusel riechend fest in den Arm und bieten ihren ganzen aufgeschminkten Charme auf, weil man das mit Reisenden und Matrosen so macht. Schließlich wird für die Liebe gezahlt, das wissen alle und sind es zufrieden.

Valparaíso, die Schöne am Pazifik, ist auch so eine Hafenhure. Hübsch angemalte Fassaden, dunkle Ecken in einem schier unübersichtlichen Häusermeer und ein rauer Wind vom Ozean bringen den Reisenden dazu, sich gleichzeitig zuhause und verloren zu fühlen. Wohl deshalb wurde Valparaíso schon vielfach besungen, aber dass ein Punkrock-Musiker einen Film über eine Stadt – seine Geburtsstadt – macht, ist auch eher selten und wenn es dann noch der Bassist der von mir sehr verehrten Band „Die Ärzte“ ist, wird es noch interessanter. Mit „El Viaje“ nähert sich der 1968 in Valparaíso geborene Rodrigo „Rod“ Gonzalez nicht nur seiner eigenen Familiengeschichte, sondern skizziert auch die Heroen der Protestmusik der „Nueva Cacion Chilena“, die eine ganze Generation von Musikern prägten.

(Mit den Musikern Macha, der Band Chico Trujillo, Alonso Nuñez, Camila Moreno, Eduardo Carasco, Eduardo Yañez, Mauricio Castillo “Chinoy”, Gaston Avila u.m. – vielleicht läuft der Film demnächst noch einmal im Fernsehen)

Valparaíso hat scheinbar unendlich viele wilde und künstlerisch ansprechende Graffitis, ist mit seiner historischen Altstadt nicht nur Teil des UNESCO-Weltkulturerbes, sondern gilt eben auch als heimliche Kulturhauptstadt des Landes und wird besonders im Sommer von Scharen von Kreuzfahrttouristen heimgesucht.

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Neben allen schönen Ecken hat Valparaíso aber auch ein enormes Schuldenproblem, das sich besonders im Bildungssektor niederschlägt. Ansätze für eine Verbesserung der Situation lassen sich in einem Stadt- und Entwicklungsplanungskonzept bis 2030 finden. Aber auch private Initiativen und Projekte arbeiten kontinuierlich an der Verbesserung der Infrastruktur und Bildung.

Valparaíso ist eben nicht nur die Schlampe, die Schöne und das Biest zugleich, sondern auch eine ganz normale Großstadt in Lateinamerika. Ein Besuch lohnt sich auf jeden Fall. Gern auch mit einem Blick hinter die Fassaden.

Links und Empfehlungen
Übernachtung
Mandala Hostel. Nette kleine Unterkunft mit einer sehr freundlichen Gastgeberin in einem verwinkelten Haus. Es gibt ein sehr hübsches Gemeinschaftszimmer mit Grill auf dem Balkon und ein gutes Frühstücksbüffett sowie eine Gemeinschaftsküche. Tipp: Ohrenstöpsel mitnehmen, denn die Dielen knarzen sehr, wenn andere Bewohner in ihren Zimmern laufen.

Essen
Restaurant Fauna (im gleichnamigen Hotel).

Aktivitäten
Natürlich das Museum von Pablo Neruda in seinem Haus „La Sebastiana“. Eine Hafenrundfahrt in einem Boot („Lancha“). Spaziergänge durch die Gassen und Straßen und eine Fahrt in einem der Aufzüge, z.B. zum Mirador und dann zurück zu Fuß durch enge Gässchen.

 

Chileno. Sí o no.

No. So ein simples, kleines Wort.

Aber wie wichtig es doch sei, besonders, wenn es um Latino-Männer ginge. So wurde mir vor der Reise beschieden, denn grundsätzlich seien die dortigen Herren der Schöpfung, nun ja, eher körperbetont unterwegs. Auch gibt es Erfahrungsberichte, die von fortwährendem Machotum künden. Sogar Tipps und Tricks kursieren, wie man am Besten mit derlei gefühlter Aufdringlichkeit umgehe.

Nun gehe ich eher unvoreingenommen durch die Welt und versuche mich in Sitten und Gebräuchen weitgehend meinen Gastgebern anzupassen. Auch bin ich weder blondschöpfig noch in der Blüte meiner Jugend. Grundsätzlich ging ich daher davon aus, dass sich, sagen wir, Günni aus Wanne-Eickel in hormonell bedingten Ausnahmesituationen genauso dämlich verhalten kann wie Pablo aus Valparaiso oder Jean-Claude aus Paris. Und das Wichtigste: die Männer Chiles haben mich (mit einer Ausnahme) angenehm überrascht.

Höflich, zuvorkommend und stets hilfsbereit begegneten sie mir. Türe aufhalten: klar! Im Restaurant beratend zur Seite stehen, wenn ich nicht weiß, was denn nun genau dieses spezielle (ungooglebare) Gericht sein könnte: cierto! Die ungeteilte Zuwendung, wenn man Gegenstand des Interesses ist – geschenkt! Und welche Frau sollte etwas gegen wohlgemeinte Komplimente haben, die mit einem ironischen Augenzwinkern vorgetragen werden: „Deine Augen sind wie der Himmel über den Anden.“ Ja, bitte, mehr davon!*

Einen Hauch von Machotum verströmen sie dennoch, die Jungs und gestandenen Männer Chiles. So vielfältig wie ihre ursprünglichen Wurzeln, so unterschiedlich das Herangehen an das weibliche Geschlecht. Mal mehr, mal weniger direkt. Das reicht vom (in Annes Bericht beschriebenen) Straßenzischeln und Hinterherraunen bis hin zu den klassischen Codes, ob denn da mehr ginge: Antesten mittels Kniekontakt unter dem Tisch, „zufälliges“ Hand auf Arm legen, ungemein tiefe und vermeintlich tiefgründige Blicke… Man muss ja nicht darauf eingehen.

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Bislang hatte ich auch nur eine wirklich negative Begegnung mit einem übergriffigen Guide, einem echten Andensohn. Aber wer mich körperlich ungewollt angeht und trotz klarer Kommunikation in eine Ecke drängt, der muss damit rechnen, beinahe einen Abhang heruntergeschubst zu werden. Es muss auch Vorteile haben, für südamerikanische Verhältnisse überdurchschnittlich groß zu sein…

Und in der Regel reicht auch ein „No, gracias“, um Klarheit und den berühmten „Mein Tanzbereich, dein Tanzbereich“-Abstand wieder herzustellen. No, ein so simples, kleines Wörtchen. Manchmal allerdings darf man auch mal „Sí“ sagen, wenn man ein Tänzchen wagen will. Sollte man, denn die chilenischen Herren tanzen ausgesprochen gut und führungssicher…

*vermutlich habe ich nicht einmal die Hälfte verstanden, aber was soll’s. Ist gut fürs Ego.


Kleiner Exkurs: An dieser Stelle möchte ich mich einmal auf das Allerherzlichste beim Erfinder des Siphons, Alexander Cumming, bedanken. Kein Chilene, aber ohne ihn wäre ich jetzt um meine Kontaktlinsen ärmer.

1.500 Kilometer.

Punta Arenas ist das Hannover Chiles: es ist zwar nicht der Arsch der Welt, aber von dort aus kann man ihn schon ziemlich gut sehen. Oder, um mit chilenischen Maßstäben zu werten, von dort aus sind es nur noch 1.500 Kilometer bis in die Antarktis. Es windet, es regnet, ganz wie es an einem grauen, nasstrüben Maimontag im Süden Patagoniens soll. Viel anders sei es aktuell in der deutschen Provinz auch nicht, wird per App-Nachricht beschieden und es tröstet ein wenig, dass der Kaffee hier unten stärker gebraut wird als anderswo an der Westseite Südamerikas.

Von Punta Arenas aus sind es auch nur knapp sechs Stunden Autofahrt in den Nationalpark Torres del Paine. Dort gibt es nicht nur viele sehr schöne (und kalte) Gletscherseen, schneebedeckte Bergspitzen und schier endlose Strauchsteppe, sondern auch die berühmten Granitnadeln des Torres-Massivs, wegen denen jährlich rund 220.000 Besucher den Weg in die Halbwildnis auf sich nehmen. Ganz anders als ihre berühmte Vorgängerin Lady Florence Dixie – auch eine Travelling Lady, aber eine der etwas anderen Art – reisen die Besucher heutzutage mit Minibussen, Mietauto oder per Fahrrad an. Die Gegend ist in den Sommermonaten der südlichen Hemisphäre leicht zu erfahren. In der Herbst- oder Winterzeit hingegen regnet es oft und Überschwemmungen und Unterspülungen der Asphalt- und Schotterpisten sind eher die Regel als die Ausnahme. Daher: machen Sie es anders als die Travelling Lady und mieten Sie sich einen 4WD-Wagen. Das entspannt ungemein.

Exkurs: Kleine Schlaglochtipps für Chile
Tipp 1: immer noch eine bis zwei Stunden auf die Wegzeit draufschlagen. Ein geplatzter Reifen bedeutet in der Regel „selber wechseln“ und das dauert für den ungeübten Mitteleuropäer. (An dieser Stelle geht ein dickes Bussi an den Stiefvater, der mir das Reifenwechseln direkt nach dem Erwerb des Führerscheins beigebracht hat, und der mich davor bewahrte, drei Stunden auf Hilfe zu warten wie das französische Ehepaar, das ich im Estancia-Hotel traf.)

Tipp 2: Wasser und Schokolade mitnehmen. Wegen längerer Wegzeit. Und Schlaglöchern. Und überhaupt. Ein Schlafsack schadet nicht, wenn es in der kalten Jahreszeit schneller früh dunkelt und das Ziel immer noch nicht erreicht ist. Es fährt sich entspannter, wenn man weiß: auch bei knapp über Null Grad Außentemperatur könnte ich im Auto übernachten.

Tipp 3: tauchen dunkle Flecken auf der Straße auf – sofort runter vom Gas. Das sind in der Regel ausgewaschene Oberflächen mit Schotter und die können in Nullkommanichts die schönsten Kratzer am Mietwagen verursachen.

Tipp 4: glänzen die Flecken, umfährt man sie am besten ganz vorsichtig. Dann umgeht man auch das Risiko, in einem Schlagloch von der Größe einer Kinderbadewanne zu verschwinden.

Und letzter Tipp: taucht das Schild „Peligro“ auf, ist es leider schon zu spät vom Gas zu gehen. Diese Schilder stehen nämlich direkt an den Gefahrenstellen. Und für alles andere gibt’s auch noch ein kleines Schlaglochvideo (mit Musik von Anna Depenbusch):

Im Nationalpark selbst ist neben der Landschaft vor allem die vielfältige Tierwelt das Highlight. Nandus, Guanakos, Kondore, Füchse und Schafe lassen sich leicht beobachten, dazu unzählige Wildenten und -gänse. Die Pumas, von denen es schätzungsweise 25 im Park gibt, lassen sich in der Regel nicht blicken. Aber ihre Hinterlassenschaften – Skelette von Schafen, Guanakos oder anderem Getier – machen klar, dass mit den Raubkatzen im Falle eines Treffens nicht zu spaßen wäre.

Egal, ob zu Fuß, mit dem Kayak oder zu Pferd – die Landschaft ist so weit, die Luft so klar und das Licht gleißend, dass sie die Hauptrolle in diesem Drama-Land am Ende der Welt spielt. Und das schauen Sie sich doch einfach mal in der Galerie an: „1.500 Kilometer.“ weiterlesen