1.500 Kilometer.

Punta Arenas ist das Hannover Chiles: es ist zwar nicht der Arsch der Welt, aber von dort aus kann man ihn schon ziemlich gut sehen. Oder, um mit chilenischen Maßstäben zu werten, von dort aus sind es nur noch 1.500 Kilometer bis in die Antarktis. Es windet, es regnet, ganz wie es an einem grauen, nasstrüben Maimontag im Süden Patagoniens soll. Viel anders sei es aktuell in der deutschen Provinz auch nicht, wird per App-Nachricht beschieden und es tröstet ein wenig, dass der Kaffee hier unten stärker gebraut wird als anderswo an der Westseite Südamerikas.

Von Punta Arenas aus sind es auch nur knapp sechs Stunden Autofahrt in den Nationalpark Torres del Paine. Dort gibt es nicht nur viele sehr schöne (und kalte) Gletscherseen, schneebedeckte Bergspitzen und schier endlose Strauchsteppe, sondern auch die berühmten Granitnadeln des Torres-Massivs, wegen denen jährlich rund 220.000 Besucher den Weg in die Halbwildnis auf sich nehmen. Ganz anders als ihre berühmte Vorgängerin Lady Florence Dixie – auch eine Travelling Lady, aber eine der etwas anderen Art – reisen die Besucher heutzutage mit Minibussen, Mietauto oder per Fahrrad an. Die Gegend ist in den Sommermonaten der südlichen Hemisphäre leicht zu erfahren. In der Herbst- oder Winterzeit hingegen regnet es oft und Überschwemmungen und Unterspülungen der Asphalt- und Schotterpisten sind eher die Regel als die Ausnahme. Daher: machen Sie es anders als die Travelling Lady und mieten Sie sich einen 4WD-Wagen. Das entspannt ungemein.

Exkurs: Kleine Schlaglochtipps für Chile
Tipp 1: immer noch eine bis zwei Stunden auf die Wegzeit draufschlagen. Ein geplatzter Reifen bedeutet in der Regel „selber wechseln“ und das dauert für den ungeübten Mitteleuropäer. (An dieser Stelle geht ein dickes Bussi an den Stiefvater, der mir das Reifenwechseln direkt nach dem Erwerb des Führerscheins beigebracht hat, und der mich davor bewahrte, drei Stunden auf Hilfe zu warten wie das französische Ehepaar, das ich im Estancia-Hotel traf.)

Tipp 2: Wasser und Schokolade mitnehmen. Wegen längerer Wegzeit. Und Schlaglöchern. Und überhaupt. Ein Schlafsack schadet nicht, wenn es in der kalten Jahreszeit schneller früh dunkelt und das Ziel immer noch nicht erreicht ist. Es fährt sich entspannter, wenn man weiß: auch bei knapp über Null Grad Außentemperatur könnte ich im Auto übernachten.

Tipp 3: tauchen dunkle Flecken auf der Straße auf – sofort runter vom Gas. Das sind in der Regel ausgewaschene Oberflächen mit Schotter und die können in Nullkommanichts die schönsten Kratzer am Mietwagen verursachen.

Tipp 4: glänzen die Flecken, umfährt man sie am besten ganz vorsichtig. Dann umgeht man auch das Risiko, in einem Schlagloch von der Größe einer Kinderbadewanne zu verschwinden.

Und letzter Tipp: taucht das Schild „Peligro“ auf, ist es leider schon zu spät vom Gas zu gehen. Diese Schilder stehen nämlich direkt an den Gefahrenstellen. Und für alles andere gibt’s auch noch ein kleines Schlaglochvideo (mit Musik von Anna Depenbusch):

Im Nationalpark selbst ist neben der Landschaft vor allem die vielfältige Tierwelt das Highlight. Nandus, Guanakos, Kondore, Füchse und Schafe lassen sich leicht beobachten, dazu unzählige Wildenten und -gänse. Die Pumas, von denen es schätzungsweise 25 im Park gibt, lassen sich in der Regel nicht blicken. Aber ihre Hinterlassenschaften – Skelette von Schafen, Guanakos oder anderem Getier – machen klar, dass mit den Raubkatzen im Falle eines Treffens nicht zu spaßen wäre.

Egal, ob zu Fuß, mit dem Kayak oder zu Pferd – die Landschaft ist so weit, die Luft so klar und das Licht gleißend, dass sie die Hauptrolle in diesem Drama-Land am Ende der Welt spielt. Und das schauen Sie sich doch einfach mal in der Galerie an:

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Nur noch 1.500 Kilometer bis zur Antarktis!

Wieder in der Zivilisation zurück, gibt es in Punta Arenas etliche sehr schöne Häuser aus dem ausgehenden 19. Jahrhundert zu sehen, als es den Kolonialisten wichtig war, europäische Prachtarchitektur auch in dieser abgelegenen Gegend zu etablieren. Davon zeugt unter anderem der Palacio Sara Braun. Das moderne Punta Arenas zeigt sich in den bunten Wandmalereien, die auch an einem tristen Maitag Farbe in die Stadt bringen. Ach ja, da war ja noch etwas mit den ewigen Vergleichen mit Zuhause: wäre das nicht auch etwas für Hannover? Liebe Niedersachsen, greift zum Pinsel und lasst eurer Kreativität freien Lauf.

Oh. Ja. Stimmt. Es sind Niedersachsen.

Empfehlungen und Links
Übernachtung
Innata Hostal in Punta Arenas: die Zimmer sind gemütlich eingerichtet, passend zur belebten Straße gibt es Ohrenstöpsel und das Frühstück ist reichhaltig und lecker. Die zauberhafte Nini, ursprünglich mit ihrer Familie aus Venezuela gekommen, versorgt ihre Gäste mit allem was nötig ist und darüber hinaus mit leckeren Sandwiches für den Weg.

Estancia Tercera Barranca
13 Kilometer Schotter- und Schlaglochpiste liegen vor dem Reisenden, hat er einmal den handgschriebenen Plan verfolgt und steht vor dem Tor zur Estancia. Dafür entschädigt die Estancia aber auch mit dem besten Blick auf die Torres del Paine, überstandardmäßiger Ausstattung und wirklich ausgezeichnetem Essen. Man sollte sich allerdings gewahr sein, dass Energie gespart wird und daher der Generator zur Strom- (und Wärme-)erzeugung in der Regel von 7.30 bis 10 Uhr und von 17.30 bis 22.30 Uhr läuft. Mobilnetz gibt es im Nationalpark ohnehin nicht, die Kommunikation läuft über Funk.

Aktivitäten
Fahrradtouristen kommen hier auf ihre Kosten, die Gegend ist flach bis leicht hügelig und den Rundkurs durch den Nationalpark kann man gut in einer Woche schaffen. Kayaking oder Reittouren bietet zum Beispiel die Bagualesgroup an; der gebürtige Argentinier Juan Pablo führt auch selbst und weiß wirklich alles über Flora und Fauna. Außerdem bekommt man bei ihm gleich einen Crashkurs in Sachen „Reiten auf chilenischen Sätteln mit nur einer Zügelhand, wenn das Pferd bockig oder der Reiter unfähig ist“.

Literatur
Bruce Chatwin: In Patagonien. Reise in ein fernes Land.
Alles von Isabel Allende (sowieso).
Florence Dixie: Across Patagonia (Free Download!)

 

 

 

 

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