No. So ein simples, kleines Wort.
Aber wie wichtig es doch sei, besonders, wenn es um Latino-Männer ginge. So wurde mir vor der Reise beschieden, denn grundsätzlich seien die dortigen Herren der Schöpfung, nun ja, eher körperbetont unterwegs. Auch gibt es Erfahrungsberichte, die von fortwährendem Machotum künden. Sogar Tipps und Tricks kursieren, wie man am Besten mit derlei gefühlter Aufdringlichkeit umgehe.
Nun gehe ich eher unvoreingenommen durch die Welt und versuche mich in Sitten und Gebräuchen weitgehend meinen Gastgebern anzupassen. Auch bin ich weder blondschöpfig noch in der Blüte meiner Jugend. Grundsätzlich ging ich daher davon aus, dass sich, sagen wir, Günni aus Wanne-Eickel in hormonell bedingten Ausnahmesituationen genauso dämlich verhalten kann wie Pablo aus Valparaiso oder Jean-Claude aus Paris. Und das Wichtigste: die Männer Chiles haben mich (mit einer Ausnahme) angenehm überrascht.
Höflich, zuvorkommend und stets hilfsbereit begegneten sie mir. Türe aufhalten: klar! Im Restaurant beratend zur Seite stehen, wenn ich nicht weiß, was denn nun genau dieses spezielle (ungooglebare) Gericht sein könnte: cierto! Die ungeteilte Zuwendung, wenn man Gegenstand des Interesses ist – geschenkt! Und welche Frau sollte etwas gegen wohlgemeinte Komplimente haben, die mit einem ironischen Augenzwinkern vorgetragen werden: „Deine Augen sind wie der Himmel über den Anden.“ Ja, bitte, mehr davon!*
Einen Hauch von Machotum verströmen sie dennoch, die Jungs und gestandenen Männer Chiles. So vielfältig wie ihre ursprünglichen Wurzeln, so unterschiedlich das Herangehen an das weibliche Geschlecht. Mal mehr, mal weniger direkt. Das reicht vom (in Annes Bericht beschriebenen) Straßenzischeln und Hinterherraunen bis hin zu den klassischen Codes, ob denn da mehr ginge: Antesten mittels Kniekontakt unter dem Tisch, „zufälliges“ Hand auf Arm legen, ungemein tiefe und vermeintlich tiefgründige Blicke… Man muss ja nicht darauf eingehen.
Bislang hatte ich auch nur eine wirklich negative Begegnung mit einem übergriffigen Guide, einem echten Andensohn. Aber wer mich körperlich ungewollt angeht und trotz klarer Kommunikation in eine Ecke drängt, der muss damit rechnen, beinahe einen Abhang heruntergeschubst zu werden. Es muss auch Vorteile haben, für südamerikanische Verhältnisse überdurchschnittlich groß zu sein…
Und in der Regel reicht auch ein „No, gracias“, um Klarheit und den berühmten „Mein Tanzbereich, dein Tanzbereich“-Abstand wieder herzustellen. No, ein so simples, kleines Wörtchen. Manchmal allerdings darf man auch mal „Sí“ sagen, wenn man ein Tänzchen wagen will. Sollte man, denn die chilenischen Herren tanzen ausgesprochen gut und führungssicher…
*vermutlich habe ich nicht einmal die Hälfte verstanden, aber was soll’s. Ist gut fürs Ego.
Kleiner Exkurs: An dieser Stelle möchte ich mich einmal auf das Allerherzlichste beim Erfinder des Siphons, Alexander Cumming, bedanken. Kein Chilene, aber ohne ihn wäre ich jetzt um meine Kontaktlinsen ärmer.




