
Das Nationaltier Chiles kommt papiern im halbrheinischen Format daher. Und es spricht deutsch. „El Condór“ ist Chiles drittälteste und einzige deutschsprachige Zeitung. Sie geht auf die seit Mitte des 19. Jahrhunderts wachsende Zahl deutscher Einwanderer zurück, die nach aktiven Anwerbeaktionen besonders in den südlichen Landesteilen Chiles Quartier bezogen. Dort entstanden nicht nur Brauereien, Vereine und deutsche Schulen sondern auch Zeitungen, die den Einwanderern mehrfach wöchentlich Neuigkeiten präsentierten. So zum Beispiel die „Deutschen Nachrichten“, deren erste Ausgabe am 17. November 1870 erschien. Mehrere Wettbewerber folgten, unter anderem die „Deutsche Zeitung für Südchile“ und die „Deutsche Zeitung“ – beide in Valdivia herausgegeben, einem der Zentren der deutschen Einwanderer. Von den rund 25 deutschsprachigen Zeitungen in Chile überlebten aber nur wenige bis zum zweiten Weltkrieg.
Den „Condór“ gibt es seit 1938. Entstanden ist die Wochenzeitung in Santiago aus dem Zusammenschluss mehrerer deutscher Zeitungen in Chile unter der Ägide des Deutsch-Chilenischen Bundes, der auch heute noch Träger und Herausgeber der Zeitung ist. Benannt wurde die Zeitung ganz bewusst nach dem chilenischen Nationaltier, um die Verbundenheit der in Chile lebenden Deutschen mit der neuen Heimat zu zeigen.

Der heutige Chefredakteur des Condór, Arne Dettmann, kam 2005 für die Arbeit nach Chile – und blieb der Liebe wegen. Mittlerweile Vater von zwei Söhnen im schulpflichtigen Alter und bestens arriviert, sorgt er dafür, dass die rund 7.000 Exemplare wöchentlich ab Freitag in die Verteilung gehen. „Wir beliefern hauptsächlich Schulen, Institutionen, deutsche Unternehmen und etliche Abonnenten von Santiago bis in den Süden. Die Schulen nutzen die Zeitung für ihren Deutschunterricht.“ Der Fokus liegt daher neben der Aufbereitung aktueller Nachrichten auf landesübergreifenden Themen, die sowohl den chilenischen als auch deutschen Leser interessieren: Umweltschutz und Erneuerbare Energien, Kultur und Wirtschaft. Zudem kommt neben Spezialauflagen und Sonderbeilagen zweimal im Monat das Supplement „Kondor-Junior“, explizit mit Themen für Kinder.
Der deutsch-chilenische Bund sorgt dafür, dass die Zeitung weiterhin existieren kann, obwohl der Anzeigenanteil den Hauptteil der Finanzierung ausmacht. Aber wie sieht es mit der Leserschaft aus? Stirbt sie nicht langsam aus in der polyglotten Gesellschaft, in der Englisch als Weltsprache bevorzugt erlernt wird – auch von den Kindern mit einem deutschen Elternteil? „Das ist naturgemäß so. Auch in zweisprachigen Familien gewinnt irgendwann das Spanische die Oberhand, einfach, weil es im Alltag Vorrang hat. Aber wir haben ja noch die in Chile sehr beliebten deutschen Schulen, wo der Condór gelesen wird. Das alles dient der Pflege der deutschen Sprache im Ausland.“ Obwohl die Internetpräsenz wie auch die Optik der Zeitung regelmäßig überarbeitet werden, ist die jüngere Leserschaft außerhalb der Schulen rar gesät. Bedroht ist die Zeitung allenfalls von der Konkurrenz des schnellen Internets und der anderen Nachrichtenantizipation der jüngeren Generation. Aber es gibt eine Facebookpräsenz und „die jüngeren Mitarbeiter und Praktikanten bringen auch immer wieder neue Impulse ein“, wie Dettmann schmunzelnd erzählt.
Anders als sein Konterpart in der Tierwelt ist damit also wohl genügend Lebensraum gesichert, um die Zeitung auch in einigen Jahren lesen zu können. Denn der Nationalvogel verzeichnet eine zurückgehende Population in Chile und allen anderen Habitaten. In der Zeitungssprache würde man von einem massiven Auflagenverlust sprechen. Was könnte einen der größten Greifvögel der Welt retten?
Vielleicht ein Thema für „El Condór“…