„Wie, du reist allein? Als Frau? Was sagt dein Mann dazu? Und deine Kinder?“
Die klassische Frage, so oft gestellt auch in anderen bereisten Ländern, aber nie so häufig wie in Chile (und in Indien). Hier ist es fast undenkbar, dass eine Frau sich dem klassischen Rollenbild verweigert, obgleich Chileninnen sehr selbstbewusst auftreten und durchaus ihre Frau stehen. Dennoch sitzen nur knapp 17 % Frauen in den Chefsesseln des Spitzenmanagements. Anders als in Europa, den USA und Kanada, wo der Anteil weiterhin bei knapp 25 % bleiben wird, soll sich dieser Wert in Lateinamerika allerdings laut einer Studie bis ins Jahr 2025 auf rund 44 % erhöhen. Aber die Familie hat Vorrang, und so ist nur knapp die Hälfte der Chileninnen berufstätig. Immerhin gab es in den vergangenen Jahren einen deutlichen Anstieg der Frauenerwerbsquote. Und seit 2015 gibt es ein eigenes „Ministerium für Gleichberechtigung“.
Doch bis dahin ist es noch ein langer Weg. Der Machismo ist in Chile mindestens so ausgeprägt wie in anderen hispanisch geprägten Ländern. Und der Arm der katholischen Kirche ist lang und reicht bis in die Lobbyverbände der Politik. Seit langem kämpfen Frauenverbände für ein Recht auf Abtreibung, denn bislang sind diese in Chile komplett verboten; egal, ob die Gesundheit der Frau gefährdet ist, das Kind durch Gewalt entstand oder einfach nur durch eine ungewollten Schwangerschaft. Die betroffenen Frauen sind somit zu Abtreibungen im Ausland oder in illegalem Rahmen gezwungen.
Eine andere Form von Frausein spaltet derweil immer noch die Meinungen: „Und mujer fantástica“ des argeninisch-chilenischen Regisseurs Sebastian Lelio – 2017 in Berlin mit dem silbernen Berlinale-Bären ausgezeichnet – ist die transsexuelle Kellnerin und Sängerin Marina. Sie lebt gemeinsam mit ihrem Geliebten, der für sie seine Familie verließ. Nach dessen plötzlichen Tod verliert sie nicht nur das Wohnrecht – die in Chile mögliche eingetragene „Union civil“, das Äquivalent zur in Deutschland möglichen eingetragenen Lebenspartnerschaft hatten beide nicht umgesetzt – sie wird von der Familie ihres Geliebten auch noch beleidigt und körperlich misshandelt. Die Unfähigkeit Marinas, öffentlich trauern zu können, die innere Leere nach dem Verlust von Heim, Hund und Auto, die Verachtung und Missachtung der Gesellschaft, all das zwingt Regisseur Sebastian Lelio in mitunter statische und konstruierte Szenen und überlange Kamerafahrten durch die nicht eben zauberhaft schönen Hochhausschluchten Santiagos. Die Stärke der Protagonistin, dann doch für sich eine öffentliche Trauer einzufordern, das Wiederaufstehen nach Verlust und Niederlage – man hätte es auch kürzer und dynamischer in Bilder fassen können. Nichtsdestotrotz beschreibt der Film recht gut, wie abschätzig Transmenschen in der Öffentlichkeit beobachtet werden, wie offen gezischelt wird. Das geheime „hihihi“ und „hast du gesehen“ – es ist in einem bayerischen Dorf ebenso vertreten wie in der chilenischen Millionenstadt Santiago.
Umso besser, wenn sich Frauen aller Couleur auch weiterhin für ihre Rechte einsetzen. Dann hören vielleicht auch diese Fragen nach der Meinung des Mannes auf.