Petites Folies à Montréal.

Manches Mal muss man im Leben kleine Verrücktheiten begehen. Um sich wieder selbst zu spüren. Um einen Wandel einzuleiten. Oder einfach, weil man nicht darüber nachdenken möchte, was die Folgen sein könnten. Vielleicht aber auch, um hinterher sagen zu können: das war gut so und genau richtig für diese Geschichte, für dieses Leben.

Montreal nimmt sich jedes Jahr die Freiheit (und viel Geld in die Hand), das Festival „Francofolies“ zu begehen, eine dem überwiegend französischsprachigen Chanson gewidmete Musikreihe, die von klassischem Vocalensemble bis hin zu ambitioniert vorgetragenen New Romantic-Covern, Rock und Reggae reicht. Man wandert durch die Innenstadt von Bar zu Bar und von Bühne zu Bühne. Ähnlich also wie bei der nur eine Woche später stattfindenden „Fête de la Musique“ in Berlin und anderen Städten Europas.

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Im Rahmen der Francofolies finden noch weitere Festivals und Programme ihren Platz, so zum Beispiel die „Salsafolies“ auf der Place des Jardins Gamelin. Dort werden die neuesten Latinohits und Klassiker gespielt – „Despacito“ darf natürlich nicht fehlen – und die unteren Körperteile mehr oder weniger mit hispanischem Einsatz bewegt. „Die kanadischen Frauen können das einfach nicht, ihnen fehlt der Rhythmus“, sagt einer der es wissen muss, und leider, leider bin ich da offenbar auch sehr kanadisch, denn mein Salsa-Derivat führte bei meinem Tanzpartner allenfalls zu einem verzweifelten Kopfschütteln. Dabei kann ich tanzen, wirklich! Ich brauche nur Jemanden mit Geduld und Sicherheitsschuhen.

Und so blieb es bei der Verrücktheit, dass sich zwei Menschen mit unterschiedlichem kulturellen und sprachlichem Background auf einem anderen Kontinent verabredeten als auf jenem, auf dem sie sich kennengelernt hatten. Und um gemeinsam Montreal zu entdecken, viel zu essen, in einer Karaoke-Bar zu singen, zu lachen, zu streiten und miteinander zu sein. Eine „Petite Folie“, wie sie im Buche steht, aber genau richtig und gut so. Merci y gracias por esa locura, mi gran Chileno!

Good Bye, Buenos Aires.

Am Ende einer Reise steht immer ein Eindruck, ein Fazit des Landes. Nun habe ich in Argentinien nur etwa knapp drei Wochen und diese überwiegend in Buenos Aires verbracht. Vielleicht war es der kühle Spätherbst, der mich davon abhielt mit dem Überlandbus oder dem Zug durch das Land zu gondeln, um mir Salta, Bariloche, Cordoba, Mendoza und so viel mehr anzusehen. Vielleicht auch eine Reisemüdigkeit im Anschluss an den langen Aufenthalt in Santiago de Chile. Auf jeden Fall aber haben mich Menschen an diese Stadt gebunden, die doch sehr viel europäischer ist als Santiago und mich so sehr an meine Zeit in Paris erinnerte.

Statt Tango tanzten wir Salsa und Merengue – was in meinem Fall eher ein Derivat der Tänze ist, denn keinen der beiden beherrsche ich. Es hielt mich dennoch nicht davon ab, mit meinen Mitstreiterinnen die Nacht zum Tage zu machen und zu tanzen, bis wir keinen Schritt mehr machen wollten. Statt Asado aßen wir frittierte Tintenfischringe. Und Coq au Vin mit Artischocken an Eierdip als Vorspeise zu meiner Dinnerparty. Eine Dinnerparty in Buenos Aires! Die Holly Golightly-Momente meines Lebens.

Und wir warfen Dartpfeile, nachts um halb vier in meiner Wohnung in San Telmo, nachdem wir fünf Flaschen Rotwein geleert hatten und auf „Ich war noch niemals in New York“ und „Da, da, da“ getanzt hatten. Der Uni-Freund sang dazu „Volver“, die Inderin tanzte Tango mit einem imaginären Partner, während wir immer trunkender wurden und unsere Freundschaft wuchs.

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Eine Zeitkapsel in dieser Stadt, in diesem Land, ein bisschen geschenkte Jugend und Party, ein bisschen das Gefühl, daheim zu sein und Freunde gefunden zu haben. Diese Stadt, dieses Land, wird mich wiedersehen. Deshalb sage ich nicht „Good bye“, sondern „Hasta pronto!“

Wasserkraft.

An der brasilianisch-argentinischen Grenze – gut, Paraguay ist auch nicht weit, aber darum geht es in diesem Drei-Länder-Spiel nicht – liegen die Wasserfälle von Iguazú, seit 2012 mit dem Titel eines der sieben neuen, „natürlichen“ Weltwunder versehen und seit den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts UNESCO-Weltkulturerbe. Und das zu Recht, sind die rund 275 großen und kleinen Wasserfälle in einem riesigen Gebiet über zwei Ländergrenzen und 2,7 Kilometer verteilt und sehr beeindruckend.

Die Kurzreise zu den Wasserfällen nach Iguazu am Dreiländereck zwischen Brasilien, Argentinien und Paraguay hat sich voll und ganz gelohnt.

Einen halben Tag in Brasilien verbracht, südamerikanische Nasenbären von meiner Aussichtsbank vertrieben, dafür unflätig von ihnen angekeift worden und vor einer Wasserwand gestanden, die ungemein beeindruckend war. Nicht schön: keinen Stempel von Brasilien in den Pass bekommen.

Den nächsten, ganzen Tag volles Programm der Wasserfälle auf argentinischer Seite. Die Reiseagentur hatte die Dramaturgie sehr gut gesetzt: noch beeindruckender, noch größer, noch schöner. Die Garganta del Diablo ist das Mächtigste, was mir je an Wasserkraft untergekommen ist. Niagara kann einpacken.

Ach, ja: einen Tukan habe ich auch gesehen!

 

Links und Empfehlungen

Aldea Lodge
Untergebracht war ich in einer Lodge mitten im Wald, mit nichts um mich herum außer dem Quietschen der Geckos und dem Rufen der Vögel. Trotz Dauerregens einen Kolibri gesehen, dessen Insektenschwebeflug alle Regentropfen umging.

Dass in der Lodge ausgezeichnetes WLAN vorhanden war, kostenfrei – geschenkt. Ich bin immer wieder entsetzt, wie wenig Kundenorientiert deutsche Hoteliers agieren, indem sie die Kosten für WLAN noch einmal als Extra aufschlagen.

Say Hueque – Die Buchung sowohl dieser Reise als auch nach Ushuaia habe ich über die Reiseagentur Say Hueque und hier über die sehr nette Mitarbeiterin Deborah gemacht, die mir für die Nebensaison und die kurze Reisezeit das Maximum an Unterkunft, Touren und Flug ermöglicht hat.

Das Licht des Südens.

„Bienvenue dans un monde nouveau…“

Ushuaia. Das klingt nach exotischer Südsee, Palmen und weißem Strand, nicht wahr? Sie stellen sich sicherlich auch so etwas vor? Tut mir wirklich leid, aber: nichts davon erfüllt diese kleine Stadt am südlichen Ende Argentiniens. Denn die knapp 80.000 Einwohner leben in einer Ansammlung von verstreuten Häusern, darunter auch etliche, noch von der Regierung Kirchner in den letzten Jahren geförderte Sozialbauten. Das Zentrum Ushuaias besteht aus einer einzigen Einkaufsstraße, in der sich alle erdenklichen Outdoor-Marken finden für die vielen Sommertouristen, die hier entweder in den Nationalpark oder als Tagestouristen von einem der Kreuzfahrtschiffe in die Stadt einfallen. In der Sprache der Ureinwohner Yámana heißt die Stadt soviel wie „Bucht, die nach Osten blickt“, und damit wäre eigentlich schon alles gesagt.

Warum ich dennoch unbedingt noch einmal ans kalte Ende der südlichen Hemisphäre wollte?

Wegen einer auf TF1 ausgestrahlten Abenteuersendung namens „Ushuaia“ mit dem überaus attraktiven Moderator Nicolas Hulot. Diese sah ich in meiner Zeit in Paris gern, während ich auf den Verlobten wartete, der immer recht spät von der Arbeit kam. „Bienvenue dans un monde nouveau“ – Willkommen in einer neuen Welt – war der Einstiegssatz in die Sendung. „Ushuaia“, die kleine Stadt nur 900 Kilometer von der Antarktis entfernt, als Synonym für eine neu zu entdeckende Welt. Das Ende der Panamericana, einer der Traumstraßen der Welt, befindet sich dort, am Kilometer 3.079 (Entfernung nach Buenos Aires) und nach rund 25.740 Kilometern (Beginn nördlich von Delta Junction in Alaska). Ein Stückchen habe ich sie schon in und um Santiago de Chile befahren. Deswegen.

Und wegen des Lichts. Der Himmel im Süden ist so klar und weit, dass man glaubt, den direkten Kontakt zu Gott aufnehmen zu können. Einfach hochschauen und in dieses opalene Blau hineinschreien: „Hey, du! Mach die Erde wieder heil! Du bist schließlich verantwortlich für den ganzen Kram hier!“* Denn es ist dringend nötig, dass hier etwas passiert. In nicht ganz so weiter Entfernung bricht nämlich gerade in riesiges Stück Schelfeis ab. Die Temperaturen sind schon lange höher als im Langzeitmittel. Patagoniens Gletscher schmelzen dahin. Der Meeresspiegel wird ansteigen, ob wir wollen oder nicht. Anderswo gibt es kein Wasser mehr und auch kein Leben. Sie halten das alles für Schwarzseherei, für naives Apokalyptikgeschwafel? Bitte, geschenkt. Aber so eine Reise öffnet auch ein wenig die Augen für die Schönheit, in der wir uns befinden, und die wir nicht zerstören dürfen. Schauen Sie sich doch die Fotos an, dann verstehen Sie vielleicht, was ich meine:

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Dieses Ende der Welt macht etwas mit Einem. Ich habe jetzt ein Tattoo. Auch das kann das Ende der Welt mit einem machen. Alte Wünsche erfüllen. Hallo Gecko, neuer und dauerhafter Lebensbegleiter.

*Nein, ich glaube nicht an Gott. Aber es war so eine hübsche Umschreibung. Ich konnte nicht anders. Verzeihen Sie mir.

High Society.

Die Luft in dieser Spätherbstnacht ist angenehm mild und ein leichter Wind weht vom Rio de la Plata durch die Straßen von Buenos Aires. Unter dem Balkon, ganz oben über dem Stadtteil Palermo, breitet sich ein Lichtermeer aus, nur unterbrochen vom seltsam dunklen Fleck der Reitbahn des nahen Campo Hipico Militar.

Lachen dringt durch die geöffneten Türen aus dem Loft hinter mir, Gläserklirren und tanzbare Latino-Musik, darunter der überall gespielte Superhit Südamerikas, „Despacito“. Viele schöne, sehr polyglotte Menschen stoßen mit Rotwein und Patagonia-Bier an. Gleich am zweiten Abend in dieser Stadt bin ich Party-Mitbringsel des alten Bekannten aus Berliner Tagen. C., mittlerweile Politik-Professor, versteht es, ebenso diplomatisch wie engagiert Gespräche zu führen und Menschen zusammen zu bringen. Wir unterhalten uns über Kultur, Kunst, unsere Biografien und die Unmöglichkeit, in Argentinien von seiner Arbeit leben zu können, es sei denn, man arbeite für die UN, einen internationalen Konzern, habe gute Kontakte oder halte sich mit zehn Nebenjobs über Wasser. C., Harvard-Absolventin und Ökonomin, arbeitete für die UN.

Bis zu jenem Tag, als die Bombe eines Selbstmordattentäters im Irak detonierte. Und das Leben eines hochrangingen UN-Diplomaten auslöschte, ihres Verlobten. C., selbst schwer verletzt, suchte in den Trümmern des durch die Bombe kollabierten Gebäudes nach ihm. Nur, um ihn sterbend zu finden. Seit diesem Tag, sagt sie, ist sie eine Überlebende, und diese schöne Frau sieht für einen Augenblick unsagbar traurig aus. Ihr Blick geht in die Ferne, über das Häusermeer, und wir nehmen uns kurz in den Arm. Wir beide wissen. Wir Witwen, wir Überlebenden, wir. Es gibt Geschichten, die sind so unendlich traurig, dass keine Getränke der Welt, kein Lachen, keine Party, keine Liebhaber sie jemals auslöschen können.

Aber wir haben beide unseren Frieden mit unseren Lebensgeschichten gemacht. Und so tanzen und trinken wir über den Dächern, bis sogar in Buenos Aires um halb vier die Polizei kommt. Aber wir öffnen die Türe nicht und warten leise ab, bis wir dann endlich ins Taxi steigen, um einen neuen Tag zu beginnen. Jeder neue Tag ist ein guter Tag für uns Überlebende.