Die Luft in dieser Spätherbstnacht ist angenehm mild und ein leichter Wind weht vom Rio de la Plata durch die Straßen von Buenos Aires. Unter dem Balkon, ganz oben über dem Stadtteil Palermo, breitet sich ein Lichtermeer aus, nur unterbrochen vom seltsam dunklen Fleck der Reitbahn des nahen Campo Hipico Militar.
Lachen dringt durch die geöffneten Türen aus dem Loft hinter mir, Gläserklirren und tanzbare Latino-Musik, darunter der überall gespielte Superhit Südamerikas, „Despacito“. Viele schöne, sehr polyglotte Menschen stoßen mit Rotwein und Patagonia-Bier an. Gleich am zweiten Abend in dieser Stadt bin ich Party-Mitbringsel des alten Bekannten aus Berliner Tagen. C., mittlerweile Politik-Professor, versteht es, ebenso diplomatisch wie engagiert Gespräche zu führen und Menschen zusammen zu bringen. Wir unterhalten uns über Kultur, Kunst, unsere Biografien und die Unmöglichkeit, in Argentinien von seiner Arbeit leben zu können, es sei denn, man arbeite für die UN, einen internationalen Konzern, habe gute Kontakte oder halte sich mit zehn Nebenjobs über Wasser. C., Harvard-Absolventin und Ökonomin, arbeitete für die UN.
Bis zu jenem Tag, als die Bombe eines Selbstmordattentäters im Irak detonierte. Und das Leben eines hochrangingen UN-Diplomaten auslöschte, ihres Verlobten. C., selbst schwer verletzt, suchte in den Trümmern des durch die Bombe kollabierten Gebäudes nach ihm. Nur, um ihn sterbend zu finden. Seit diesem Tag, sagt sie, ist sie eine Überlebende, und diese schöne Frau sieht für einen Augenblick unsagbar traurig aus. Ihr Blick geht in die Ferne, über das Häusermeer, und wir nehmen uns kurz in den Arm. Wir beide wissen. Wir Witwen, wir Überlebenden, wir. Es gibt Geschichten, die sind so unendlich traurig, dass keine Getränke der Welt, kein Lachen, keine Party, keine Liebhaber sie jemals auslöschen können.
Aber wir haben beide unseren Frieden mit unseren Lebensgeschichten gemacht. Und so tanzen und trinken wir über den Dächern, bis sogar in Buenos Aires um halb vier die Polizei kommt. Aber wir öffnen die Türe nicht und warten leise ab, bis wir dann endlich ins Taxi steigen, um einen neuen Tag zu beginnen. Jeder neue Tag ist ein guter Tag für uns Überlebende.
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