Ab einem bestimmten Punkt ist man gefühlt nicht mehr weiter weg von allem. Unter anderem dann, wenn man gerade drei Kilometer allein durch den kanadischen Wald im Algonquin-Regionalpark gelaufen ist – mit Rucksack auf dem Rücken und Reisetasche obendrauf, wie so ein verdammter Bundeswehrsoldat auf seinem ersten Marsch durch den niedersächsischen Matsch. Und matschig ist es hier auch: eben habe ich eine halbe Stunde im Auto auf dem letzten Parkplatz vor dem Nationalpark-Tor gewartet, bis der Gewitter- und Hagelsturm nachgelassen und riesige Pfützen auf dem gewundenen Waldweg hinterlassen hat. Gibt es hier eigentlich Bären?
Drei Tage habe ich hier, drei Tage ohne Netz und ohne doppelten Boden, denn ich werde durch den Wald reiten und ansonsten nicht viel mehr machen können, denn es regnet fleißig weiter. Im Radio des Gemeinschaftsraums dudelt „Moose FM“ die schlimmsten Hits der 1980er und 90er, überhaupt, sagt der Housekeeper und Mann für alles, Max, gibt es in Ontario nur Sender mit solchen Namen. Beaver FM, Bear FM – Rock FM ist da der Spezialsender. Aber hier in der Eco-Lodge gibt es nur noch Moose FM. Und kein Netz.
Während Bruce Springsteen, die Bangles oder Blur vor sich hindudeln – immerhin spielen sie hier kein einziges Mal den sonst nicht zu entrinnenden Sommerhit „Despacito“ – lese ich mich am ersten Tag durch zwei angefangene Bücher und etliche offline gespeicherte Beiträge. Unter anderem den Artikel eines meiner Lieblingsschriftsteller Douglas Coupland in der Financial Times, der sich im Selbstversuch einer digitalen Detox-Therapie unterzieht. Also in etwa das, was ich hier mache. Digitale Detox, ja, das passt. Und ich sinniere vor mich hin, überdenke einige Entscheidungen, die ich getroffen zu haben meine, denke an Menschen, die mir viel bedeuteten und an jene, die mir immer noch wichtig sind. Ich denke über die Vergangenheit nach und an die Zukunft, die ungewisse. In den Regenpausen gehe ich raus an den See, schaukele wie ganz früher, es fehlen nur die fliegenden Rattenzöpfe und die anderen Kinder.
„We all want a new life
We all want to quit tomorrow
We all want to fall in love.“
schreibt Douglas Coupland in dem Artikel, und ja, das ist es, mehr nicht und nicht weniger. Wir sind mit allen Möglichkeiten verbunden, immer und sofort, nur einen Tastaturtipper entfernt von einem neuen Leben, einem neuen Job, einer neuen Liebe. Viel zu oft war ich online in den letzten Wochen, Monaten und Jahren, eine quasi halböffentliche Lebensform. Ein digital resident, nicht ohne Stolz, beinahe ein digital native, aber dafür bin ich dann doch zu alt.
„We serve dinner at 7-ish and breakfast at 9-ish“, sagt Max und grinst. Hier gibt es nur ungefähre Zeiten, selbst die große Uhr im Gemeinschaftsraum geht vor oder nach, man weiß es nicht, wenn man nicht andauernd auf die Armbanduhr oder das Handy starrt. Die Zeit vergeht langsam. Auch die zwei halbtägigen Ausritte dehnen sich, am nächsten Tag komme ich nur mühsam in den Sattel, obwohl ich diesmal von einem Baumstumpf aufsteige.
Nach zwei Tagen denke ich nicht mehr an „das Draußen“, ich lese, schreibe, übe ein bisschen auf der hauseigenen Ukulele und unterhalte mich mit Sherilyn und Mark aus Tennessee über die Unterschiede und Gemeinsamkeiten der medizinischen Versorgung von Europa und den USA. Max erzählt von seinen Reisen, Lianne von ihrem Studium. Wir sprechen, trinken viel, sehr viel Rotwein, während draußen der Regen rauscht. Keine Sterne für mich heute Nacht.
Am dritten Tag weiß ich: es war ein Glas Rotwein zu viel, das Moskitonetz in meinem Zimmer war nicht richtig angetackert. Und ich will ein neues Leben, eine neue Arbeit und ich will mich verlieben, in den richtigen Mann, einer, der mich auch zurück liebt, einer, der alles für mich tut, auch Bären töten. Gut, für den Anfang täten es auch ein paar der Millionen Moskitos. Den ganzen Weg durch den Wald zurück zum Auto summe ich vor mich hin. Ich war sehr weit weg von allem.
Es fiept. Etliche neue Nachrichten von Freundinnen und Freunden aus aller Welt. Eigentlich möchte ich sie alle gar noch nicht lesen. Ich bin wieder verbunden. Und im Radio läuft ein neuer Sender und das erste Lied ist – ja, wer hätte das gedacht: „Despacito“. Ich seufze. Ich möchte wieder öfter -ish sein. Off-ish.
Schön geschrieben. Und dass du 3 Tage ohne Netz überlebt hast! Du wächst über dich hinaus !!
Es war sehr hart.