WG-Gefühle in Portland.

Warum es einen ausgerechnet nach Portland (Maine) verschlägt? Das hängt natürlich – wie immer – mit einem Mann zusammen. Mark ist ein Zwei-Meter-Hüne, schlaksig und hat sich auch mit Mitte 50 sein jungenhaftes Grinsen bewahrt. Er lebt mit seinen zwei Söhnen, einer Katze namens Guinevere und dem Kater „Parzival“ in einem riesigen, labyrinthisch verschachtelten alten Haus in South Portland, einem idyllischen Vorort der größten Stadt im Bundesstaat Maine.

Zeitweilig lebt er auch mit fremden Frauen und Männern zusammen. Sechs Räume vermietet er, die meisten davon mit gemeinsam genutzten Badezimmern. Das muss man mögen. Oder sich einfach nostalgisch an alte Zeiten erinnern, damals in der 3er-Wohngemeinschaft in Kreuzberg, das Zimmer nach vorne raus, mit direktem Blick auf die Gleise der U1. Damals, als in der Küche die Schlacht um den besten Kartoffel-Tomaten-Auflauf geschlagen wurde, weil beide Gemüse so unglaublich billig beim türkischen Händler um die Ecke zu bekommen waren. Und als nach der besten Silvester-Party ever, ever, ever alle Parfüms aus dem Badezimmer verschwunden waren. Damals, als zwei deutsche Länder gerade einmal fünf gemeinsame Jahre miteinander verbracht hatten und nach der ersten heißen Liebe auf einmal die graue Alltagsrealität einzog. Auch in der Kreuzberger WG zogen die Lieben ein und aus, manchmal gab es Dramen mit den Damen und die Herren in der WG ertränken ein ums andere Mal ihren Kummer in billigem ALDI-Bier. Der Putzplan für Badezimmer und Küche wurde von der resoluten Anne aus dem Sauerland erstellt und konsequent eingefordert. Ja, so war das damals.

Aber wir befinden uns in einem AirBnB in South Portland, die Anwesenden sind allesamt erwachsen und haben ungefähr die gleichen Ansprüche an ein sauber zu hinterlassendes Badezimmer. Einzig das morgendliche Warten, wann denn endlich das Bad frei wird, denn die Blase drückt schon ganz erheblich, diesen Aspekt des WG-Lebens hatte ich erfolgreich verdrängt.

Am acht Meter langen Marmortresen der Küche erzählen die Illustratorin Edwina und der Theaterpädagoge Taylor von ihrem Kennenlernen in New York, während die kleine Tochter auf dem Hochstuhl herumturnt. Erro und Jessica auf Finnland kochen irgendetwas Veganes und um meine Beine schmeichelt Parzival herum. Mark spielt Jazz und Blues, singt dazu und setzt sich zwischendurch ans Klavier. Ich schraube an einigen Texten herum und trinke dazu ein gar nicht mal so schlechtes lokales Pale Ale.

Eine WG, das wäre doch etwas für später, denke ich. Dann, wenn wir alt sind und uns keine eigenen Wohnungen mehr leisten können, weil die Rente nicht hinten und nicht vorne reicht. Wir würden gemeinsam kochen oder uns etwas liefern lassen, eine Putzhilfe würde für die nötige Sauberkeit sorgen und wenn es einem von uns dann wirklich nicht mehr geht, helfen wir oder lassen uns helfen. Natürlich müssten wir mehr Badezimmer haben. Und vielleicht besser isolierte Wände zwischen den Räumen…

Mark hat es jedenfalls ganz richtig gemacht: er, der erfolgreiche Informatiker, hat mit Anfang fünfzig den Schnitt gemacht und ist jetzt Rentner. Und ein guter und interessanter Gastgeber. Da verlängert man doch gern mal spontan den Aufenthalt um eine Nacht. Falls ich noch einmal nach Portland komme – gerne wieder im Hillside House.

Hillside House
161, Preble St
South Portland

Zum Strand sind es zu Fuß 10 Minuten, in das Zentrum von Portland mit dem Auto knappe 15 Minuten.

Plan.

Another turning point,
a fork stuck in the road
Time grabs you by the wrist,
directs you where to go
So make the best of this test and don’t ask why
It’s not a question, but a lesson learned in time

It’s something unpredictable,
but in the end it’s right
I hope you had the time of your life

(Green Day: Good Riddance)

Manchmal ist es ganz gut, keinen Plan zu haben. Manchmal stehst du an einer Weggabelung und folgst deiner inneren Route, die dich in eine der beiden Richtungen zwingt, ohne dass du weißt, wohin dich diese bringen wird. Am Ende steht ein Ziel, das du dir vielleicht anders vorgestellt hast, oder es ist genauso, wie du es erhofft hast. Nur der Weg dahin war eben ein anderer. Steiniger, gewundener vielleicht. Manchmal bist du wie im Nebel gelaufen, wenn die Tränen deine Sicht verschleierten. Aber du bist weitergegangen, hast nicht angehalten. Für dich nicht und für niemanden sonst. Auch, wenn es manchmal verdammt einsam war. Oder dir  jemand Steine vor die Füße gelegt hat. Die hast du dann elegant weggekickt, deine Highheels und Bikerstiefel sind Waffen für sich. Die Steine konnten dich jedenfalls nicht aufhalten. Und wenn du dann das Ende des Wegs vor Augen hast und dir noch genügend Atem für die letzten Meter bleibt, hältst du trotzdem kurz inne und denkst an die Momente, in denen dir etwas Unvorhergesehenes passiert ist und sie haben dich nicht klein gemacht, sondern stark, sie haben dein Herz größer gemacht. Und dann gehst du weiter. Die letzten Schritte bis zum Ziel. Da wartet sie dann auf dich: die beste Zeit nach der Reise, die du haben kannst.

I had the time of my life. And there will be another one to come.

Walverwandtschaften.

Auf Vancouver Island lebt es sich very british. Nicht nur, dass die große Insel vor der kanadischen Provinz British Columbia ein ausgesprochen mildes Klima hat und die Landschaft im Süden sehr an England erinnert, nein, es gibt überall hübsche kleine Cafés mit kleinen Kuchen, Scones und Tee. Und Victoria, die Inselhauptstadt, ist mit ihren kleinen Lädchen und Restaurants, die riesige Platten mit Fish und Chips anbieten, ebenfalls einen Besuch wert. Vor allem aber, weil von hier aus die meisten Boote zur Walbeobachtung ablegen. Die Anbieter konkurrieren untereinander wahlweise mit dem Versprechen einer „70-prozentigen Wahrscheinlichkeit der Walsichtung“ oder der „garantiert ökologisch und nachhaltig geplanten Tour“. Beides egal, denn die Boote nehmen alle den selben Weg durch die Juan de Fuca-Strait in Richtung offenes Meer, halten untereinander per Funk über Walsichtungen auf dem Laufenden und sind mehr oder weniger schnell unterwegs. Wale, Robben und Seeotter haben ihre Reviere, und obwohl erstere jahreszeitliche Wanderungen machen, so gibt es doch standorttreue Tiere und genau jene peilen die Walboote an. Wenn dann der Blas – der mit Wasser vermischte Luftausstoß aus dem Atemloch des Tiers – über der Wasseroberfläche auftaucht, geben die Walboote in der Regel Gas, um die paar hundert Meter Distanz zu verringern. Denn es gilt die Faustregel: bläst ein Wal fünfmal, taucht er gleich in die Tiefen des Meeres ab.

So ein Buckelwal ist übrigens wirklich, wirklich groß. Aber sehen sie selbst…

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Die Riesen tun jedoch nichts. Ausnahmen bestätigen natürlich die Regel. Und sie sind deutlich sympathischer als die nächsten an Land lebenden Verwandten, die Flusspferde. Dennoch war ich nicht ganz unfroh, keine Schwertwale gesehen zu haben. Ganz im Gegensatz zur kleine Anna, zwei Sitzplätze neben mir, deren Wal-Bild von Orcas von freundlich geschönten Filmen à la „Free Willy“ bestimmt wurde.

Gravytät.

Wie bitte? Was ist denn das? Das sieht ja sehr seltsam aus. Kann man das essen? Und wie spricht man das überhaupt aus? Wie Putin, Pute oder Puh der Bär?

Jeder, der das erste Mal mit diesem traditionellen kanadischen Fast Food in Berührung kommt, hat sein persönliches Aha-Erlebnis. Dieser Mischma(t)sch aus Pommes frites, quietschendem Brocken-Cheddar, dem berühmten „fromage en grains“ und Bratensauce.

Meines war definitiv die Bratensauce – „Gravy“ -, die mich ins England der späten 1980er Jahre zurückversetzte. In der Schule in der Nähe von Manchester, die ich damals besuchte, gab es mittags in der Kantine ausschließlich Essen, das mit Unmengen von Gravy übergossen war: Pizza mit Gravy, Pasta mit Gravy, Gravy mit Gravy. Man muss davon ausgehen, dass diese urenglische Bratensauce einen ungeahnten Nährwert besitzt. Anders kann ich mir nicht erklären, dass auch meine Gastfamilie, obgleich allen Kräutern des mediterranen Kulturkreises sehr zugetan, ihre ganz eigene Gravy fabrizierte und sowohl über die morgendlichen Frühstückseier als auch an alles Grüne aus dem Garten (Kugellagererbsen!) goss. Gravy ist für mich die Zutat gewordene Margaret Thatcher. Warum also ausgerechnet eben diese Sauce auf knusprige Pommes frites und leicht angeschwitzten Cheddarkäse bringen?

Das Resultat ist niederschmetternd. Die Pommes werden in Sekundenschnelle weich und labberig, es sei denn, sie sind doppelt fritiert, dann brauchen sie eine halbe Minute länger. Die Käsekrümel verstecken sich zwischen den Pommes und kuscheln sich in die Sauce, bis sie nicht mehr quietschfähig sind. Wer dann noch den sonstigen Zutaten, z.B. Pulled Pork oder gerösteten Zwiebeln nachspürt, bekommt es ebenfalls mit der Gravy zu tun. Hinterher ist man sehr satt und fühlt sich etwas schwer.

Die ganz eigene Gravytät der Poutine, also.

In Montreal und Quebec gibt es unzählige Möglichkeiten, sich mit der Poutine bekannt zu machen. Einfach durchprobieren. Wer das Gericht auch in Deutschland kosten möchte – die Imbisskette Frittenwerk ist in einigen deutschen Großstädten vertreten und bietet Poutine an. In Berlin hat sich die Streetfood-Manufaktur „The Poutine Kitchen“ der kanadischen Küche verschrieben. Und der Frittiersalon in Friedrichshain hat Poutine ebenfalls auf der Speisekarte. Wohl bekomm’s.

Into the Wild.

Ab einem bestimmten Punkt ist man gefühlt nicht mehr weiter weg von allem. Unter anderem dann, wenn man gerade drei Kilometer allein durch den kanadischen Wald im Algonquin-Regionalpark gelaufen ist – mit Rucksack auf dem Rücken und Reisetasche obendrauf, wie so ein verdammter Bundeswehrsoldat auf seinem ersten Marsch durch den niedersächsischen Matsch. Und matschig ist es hier auch: eben habe ich eine halbe Stunde im Auto auf dem letzten Parkplatz vor dem Nationalpark-Tor gewartet, bis der Gewitter- und Hagelsturm nachgelassen und riesige Pfützen auf dem gewundenen Waldweg hinterlassen hat. Gibt es hier eigentlich Bären?

Drei Tage habe ich hier, drei Tage ohne Netz und ohne doppelten Boden, denn ich werde durch den Wald reiten und ansonsten nicht viel mehr machen können, denn es regnet fleißig weiter. Im Radio des Gemeinschaftsraums dudelt „Moose FM“ die schlimmsten Hits der 1980er und 90er, überhaupt, sagt der Housekeeper und Mann für alles, Max, gibt es in Ontario nur Sender mit solchen Namen. Beaver FM, Bear FM – Rock FM ist da der Spezialsender. Aber hier in der Eco-Lodge gibt es nur noch Moose FM. Und kein Netz.

Während Bruce Springsteen, die Bangles oder Blur vor sich hindudeln – immerhin spielen sie hier kein einziges Mal den sonst nicht zu entrinnenden Sommerhit „Despacito“ – lese ich mich am ersten Tag durch zwei angefangene Bücher und etliche offline gespeicherte Beiträge. Unter anderem den Artikel eines meiner Lieblingsschriftsteller Douglas Coupland in der Financial Times, der sich im Selbstversuch einer digitalen Detox-Therapie unterzieht. Also in etwa das, was ich hier mache. Digitale Detox, ja, das passt. Und ich sinniere vor mich hin, überdenke einige Entscheidungen, die ich getroffen zu haben meine, denke an Menschen, die mir viel bedeuteten und an jene, die mir immer noch wichtig sind. Ich denke über die Vergangenheit nach und an die Zukunft, die ungewisse. In den Regenpausen gehe ich raus an den See, schaukele wie ganz früher, es fehlen nur die fliegenden Rattenzöpfe und die anderen Kinder.

„We all want a new life
We all want to quit tomorrow
We all want to fall in love.“

schreibt Douglas Coupland in dem Artikel, und ja, das ist es, mehr nicht und nicht weniger. Wir sind mit allen Möglichkeiten verbunden, immer und sofort, nur einen Tastaturtipper entfernt von einem neuen Leben, einem neuen Job, einer neuen Liebe. Viel zu oft war ich online in den letzten Wochen, Monaten und Jahren, eine quasi halböffentliche Lebensform. Ein digital resident, nicht ohne Stolz, beinahe ein digital native, aber dafür bin ich dann doch zu alt.

„We serve dinner at 7-ish and breakfast at 9-ish“, sagt Max und grinst. Hier gibt es nur ungefähre Zeiten, selbst die große Uhr im Gemeinschaftsraum geht vor oder nach, man weiß es nicht, wenn man nicht andauernd auf die Armbanduhr oder das Handy starrt. Die Zeit vergeht langsam. Auch die zwei halbtägigen Ausritte dehnen sich, am nächsten Tag komme ich nur mühsam in den Sattel, obwohl ich diesmal von einem Baumstumpf aufsteige.

Nach zwei Tagen denke ich nicht mehr an „das Draußen“, ich lese, schreibe, übe ein bisschen auf der hauseigenen Ukulele und unterhalte mich mit Sherilyn und Mark aus Tennessee über die Unterschiede und Gemeinsamkeiten der medizinischen Versorgung von Europa und den USA. Max erzählt von seinen Reisen, Lianne von ihrem Studium. Wir sprechen, trinken viel, sehr viel Rotwein, während draußen der Regen rauscht. Keine Sterne für mich heute Nacht.

Am dritten Tag weiß ich: es war ein Glas Rotwein zu viel, das Moskitonetz in meinem Zimmer war nicht richtig angetackert. Und ich will ein neues Leben, eine neue Arbeit und ich will mich verlieben, in den richtigen Mann, einer, der mich auch zurück liebt, einer, der alles für mich tut, auch Bären töten. Gut, für den Anfang täten es auch ein paar der Millionen Moskitos. Den ganzen Weg durch den Wald zurück zum Auto summe ich vor mich hin. Ich war sehr weit weg von allem.

Es fiept. Etliche neue Nachrichten von Freundinnen und Freunden aus aller Welt. Eigentlich möchte ich sie alle gar noch nicht lesen. Ich bin wieder verbunden. Und im Radio läuft ein neuer Sender und das erste Lied ist – ja, wer hätte das gedacht: „Despacito“. Ich seufze. Ich möchte wieder öfter -ish sein. Off-ish.

Petites Folies à Montréal.

Manches Mal muss man im Leben kleine Verrücktheiten begehen. Um sich wieder selbst zu spüren. Um einen Wandel einzuleiten. Oder einfach, weil man nicht darüber nachdenken möchte, was die Folgen sein könnten. Vielleicht aber auch, um hinterher sagen zu können: das war gut so und genau richtig für diese Geschichte, für dieses Leben.

Montreal nimmt sich jedes Jahr die Freiheit (und viel Geld in die Hand), das Festival „Francofolies“ zu begehen, eine dem überwiegend französischsprachigen Chanson gewidmete Musikreihe, die von klassischem Vocalensemble bis hin zu ambitioniert vorgetragenen New Romantic-Covern, Rock und Reggae reicht. Man wandert durch die Innenstadt von Bar zu Bar und von Bühne zu Bühne. Ähnlich also wie bei der nur eine Woche später stattfindenden „Fête de la Musique“ in Berlin und anderen Städten Europas.

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Im Rahmen der Francofolies finden noch weitere Festivals und Programme ihren Platz, so zum Beispiel die „Salsafolies“ auf der Place des Jardins Gamelin. Dort werden die neuesten Latinohits und Klassiker gespielt – „Despacito“ darf natürlich nicht fehlen – und die unteren Körperteile mehr oder weniger mit hispanischem Einsatz bewegt. „Die kanadischen Frauen können das einfach nicht, ihnen fehlt der Rhythmus“, sagt einer der es wissen muss, und leider, leider bin ich da offenbar auch sehr kanadisch, denn mein Salsa-Derivat führte bei meinem Tanzpartner allenfalls zu einem verzweifelten Kopfschütteln. Dabei kann ich tanzen, wirklich! Ich brauche nur Jemanden mit Geduld und Sicherheitsschuhen.

Und so blieb es bei der Verrücktheit, dass sich zwei Menschen mit unterschiedlichem kulturellen und sprachlichem Background auf einem anderen Kontinent verabredeten als auf jenem, auf dem sie sich kennengelernt hatten. Und um gemeinsam Montreal zu entdecken, viel zu essen, in einer Karaoke-Bar zu singen, zu lachen, zu streiten und miteinander zu sein. Eine „Petite Folie“, wie sie im Buche steht, aber genau richtig und gut so. Merci y gracias por esa locura, mi gran Chileno!

Good Bye, Buenos Aires.

Am Ende einer Reise steht immer ein Eindruck, ein Fazit des Landes. Nun habe ich in Argentinien nur etwa knapp drei Wochen und diese überwiegend in Buenos Aires verbracht. Vielleicht war es der kühle Spätherbst, der mich davon abhielt mit dem Überlandbus oder dem Zug durch das Land zu gondeln, um mir Salta, Bariloche, Cordoba, Mendoza und so viel mehr anzusehen. Vielleicht auch eine Reisemüdigkeit im Anschluss an den langen Aufenthalt in Santiago de Chile. Auf jeden Fall aber haben mich Menschen an diese Stadt gebunden, die doch sehr viel europäischer ist als Santiago und mich so sehr an meine Zeit in Paris erinnerte.

Statt Tango tanzten wir Salsa und Merengue – was in meinem Fall eher ein Derivat der Tänze ist, denn keinen der beiden beherrsche ich. Es hielt mich dennoch nicht davon ab, mit meinen Mitstreiterinnen die Nacht zum Tage zu machen und zu tanzen, bis wir keinen Schritt mehr machen wollten. Statt Asado aßen wir frittierte Tintenfischringe. Und Coq au Vin mit Artischocken an Eierdip als Vorspeise zu meiner Dinnerparty. Eine Dinnerparty in Buenos Aires! Die Holly Golightly-Momente meines Lebens.

Und wir warfen Dartpfeile, nachts um halb vier in meiner Wohnung in San Telmo, nachdem wir fünf Flaschen Rotwein geleert hatten und auf „Ich war noch niemals in New York“ und „Da, da, da“ getanzt hatten. Der Uni-Freund sang dazu „Volver“, die Inderin tanzte Tango mit einem imaginären Partner, während wir immer trunkender wurden und unsere Freundschaft wuchs.

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Eine Zeitkapsel in dieser Stadt, in diesem Land, ein bisschen geschenkte Jugend und Party, ein bisschen das Gefühl, daheim zu sein und Freunde gefunden zu haben. Diese Stadt, dieses Land, wird mich wiedersehen. Deshalb sage ich nicht „Good bye“, sondern „Hasta pronto!“

Wasserkraft.

An der brasilianisch-argentinischen Grenze – gut, Paraguay ist auch nicht weit, aber darum geht es in diesem Drei-Länder-Spiel nicht – liegen die Wasserfälle von Iguazú, seit 2012 mit dem Titel eines der sieben neuen, „natürlichen“ Weltwunder versehen und seit den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts UNESCO-Weltkulturerbe. Und das zu Recht, sind die rund 275 großen und kleinen Wasserfälle in einem riesigen Gebiet über zwei Ländergrenzen und 2,7 Kilometer verteilt und sehr beeindruckend.

Die Kurzreise zu den Wasserfällen nach Iguazu am Dreiländereck zwischen Brasilien, Argentinien und Paraguay hat sich voll und ganz gelohnt.

Einen halben Tag in Brasilien verbracht, südamerikanische Nasenbären von meiner Aussichtsbank vertrieben, dafür unflätig von ihnen angekeift worden und vor einer Wasserwand gestanden, die ungemein beeindruckend war. Nicht schön: keinen Stempel von Brasilien in den Pass bekommen.

Den nächsten, ganzen Tag volles Programm der Wasserfälle auf argentinischer Seite. Die Reiseagentur hatte die Dramaturgie sehr gut gesetzt: noch beeindruckender, noch größer, noch schöner. Die Garganta del Diablo ist das Mächtigste, was mir je an Wasserkraft untergekommen ist. Niagara kann einpacken.

Ach, ja: einen Tukan habe ich auch gesehen!

 

Links und Empfehlungen

Aldea Lodge
Untergebracht war ich in einer Lodge mitten im Wald, mit nichts um mich herum außer dem Quietschen der Geckos und dem Rufen der Vögel. Trotz Dauerregens einen Kolibri gesehen, dessen Insektenschwebeflug alle Regentropfen umging.

Dass in der Lodge ausgezeichnetes WLAN vorhanden war, kostenfrei – geschenkt. Ich bin immer wieder entsetzt, wie wenig Kundenorientiert deutsche Hoteliers agieren, indem sie die Kosten für WLAN noch einmal als Extra aufschlagen.

Say Hueque – Die Buchung sowohl dieser Reise als auch nach Ushuaia habe ich über die Reiseagentur Say Hueque und hier über die sehr nette Mitarbeiterin Deborah gemacht, die mir für die Nebensaison und die kurze Reisezeit das Maximum an Unterkunft, Touren und Flug ermöglicht hat.

Das Licht des Südens.

„Bienvenue dans un monde nouveau…“

Ushuaia. Das klingt nach exotischer Südsee, Palmen und weißem Strand, nicht wahr? Sie stellen sich sicherlich auch so etwas vor? Tut mir wirklich leid, aber: nichts davon erfüllt diese kleine Stadt am südlichen Ende Argentiniens. Denn die knapp 80.000 Einwohner leben in einer Ansammlung von verstreuten Häusern, darunter auch etliche, noch von der Regierung Kirchner in den letzten Jahren geförderte Sozialbauten. Das Zentrum Ushuaias besteht aus einer einzigen Einkaufsstraße, in der sich alle erdenklichen Outdoor-Marken finden für die vielen Sommertouristen, die hier entweder in den Nationalpark oder als Tagestouristen von einem der Kreuzfahrtschiffe in die Stadt einfallen. In der Sprache der Ureinwohner Yámana heißt die Stadt soviel wie „Bucht, die nach Osten blickt“, und damit wäre eigentlich schon alles gesagt.

Warum ich dennoch unbedingt noch einmal ans kalte Ende der südlichen Hemisphäre wollte?

Wegen einer auf TF1 ausgestrahlten Abenteuersendung namens „Ushuaia“ mit dem überaus attraktiven Moderator Nicolas Hulot. Diese sah ich in meiner Zeit in Paris gern, während ich auf den Verlobten wartete, der immer recht spät von der Arbeit kam. „Bienvenue dans un monde nouveau“ – Willkommen in einer neuen Welt – war der Einstiegssatz in die Sendung. „Ushuaia“, die kleine Stadt nur 900 Kilometer von der Antarktis entfernt, als Synonym für eine neu zu entdeckende Welt. Das Ende der Panamericana, einer der Traumstraßen der Welt, befindet sich dort, am Kilometer 3.079 (Entfernung nach Buenos Aires) und nach rund 25.740 Kilometern (Beginn nördlich von Delta Junction in Alaska). Ein Stückchen habe ich sie schon in und um Santiago de Chile befahren. Deswegen.

Und wegen des Lichts. Der Himmel im Süden ist so klar und weit, dass man glaubt, den direkten Kontakt zu Gott aufnehmen zu können. Einfach hochschauen und in dieses opalene Blau hineinschreien: „Hey, du! Mach die Erde wieder heil! Du bist schließlich verantwortlich für den ganzen Kram hier!“* Denn es ist dringend nötig, dass hier etwas passiert. In nicht ganz so weiter Entfernung bricht nämlich gerade in riesiges Stück Schelfeis ab. Die Temperaturen sind schon lange höher als im Langzeitmittel. Patagoniens Gletscher schmelzen dahin. Der Meeresspiegel wird ansteigen, ob wir wollen oder nicht. Anderswo gibt es kein Wasser mehr und auch kein Leben. Sie halten das alles für Schwarzseherei, für naives Apokalyptikgeschwafel? Bitte, geschenkt. Aber so eine Reise öffnet auch ein wenig die Augen für die Schönheit, in der wir uns befinden, und die wir nicht zerstören dürfen. Schauen Sie sich doch die Fotos an, dann verstehen Sie vielleicht, was ich meine:

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Dieses Ende der Welt macht etwas mit Einem. Ich habe jetzt ein Tattoo. Auch das kann das Ende der Welt mit einem machen. Alte Wünsche erfüllen. Hallo Gecko, neuer und dauerhafter Lebensbegleiter.

*Nein, ich glaube nicht an Gott. Aber es war so eine hübsche Umschreibung. Ich konnte nicht anders. Verzeihen Sie mir.

High Society.

Die Luft in dieser Spätherbstnacht ist angenehm mild und ein leichter Wind weht vom Rio de la Plata durch die Straßen von Buenos Aires. Unter dem Balkon, ganz oben über dem Stadtteil Palermo, breitet sich ein Lichtermeer aus, nur unterbrochen vom seltsam dunklen Fleck der Reitbahn des nahen Campo Hipico Militar.

Lachen dringt durch die geöffneten Türen aus dem Loft hinter mir, Gläserklirren und tanzbare Latino-Musik, darunter der überall gespielte Superhit Südamerikas, „Despacito“. Viele schöne, sehr polyglotte Menschen stoßen mit Rotwein und Patagonia-Bier an. Gleich am zweiten Abend in dieser Stadt bin ich Party-Mitbringsel des alten Bekannten aus Berliner Tagen. C., mittlerweile Politik-Professor, versteht es, ebenso diplomatisch wie engagiert Gespräche zu führen und Menschen zusammen zu bringen. Wir unterhalten uns über Kultur, Kunst, unsere Biografien und die Unmöglichkeit, in Argentinien von seiner Arbeit leben zu können, es sei denn, man arbeite für die UN, einen internationalen Konzern, habe gute Kontakte oder halte sich mit zehn Nebenjobs über Wasser. C., Harvard-Absolventin und Ökonomin, arbeitete für die UN.

Bis zu jenem Tag, als die Bombe eines Selbstmordattentäters im Irak detonierte. Und das Leben eines hochrangingen UN-Diplomaten auslöschte, ihres Verlobten. C., selbst schwer verletzt, suchte in den Trümmern des durch die Bombe kollabierten Gebäudes nach ihm. Nur, um ihn sterbend zu finden. Seit diesem Tag, sagt sie, ist sie eine Überlebende, und diese schöne Frau sieht für einen Augenblick unsagbar traurig aus. Ihr Blick geht in die Ferne, über das Häusermeer, und wir nehmen uns kurz in den Arm. Wir beide wissen. Wir Witwen, wir Überlebenden, wir. Es gibt Geschichten, die sind so unendlich traurig, dass keine Getränke der Welt, kein Lachen, keine Party, keine Liebhaber sie jemals auslöschen können.

Aber wir haben beide unseren Frieden mit unseren Lebensgeschichten gemacht. Und so tanzen und trinken wir über den Dächern, bis sogar in Buenos Aires um halb vier die Polizei kommt. Aber wir öffnen die Türe nicht und warten leise ab, bis wir dann endlich ins Taxi steigen, um einen neuen Tag zu beginnen. Jeder neue Tag ist ein guter Tag für uns Überlebende.