Zart streicht sie über die Oberfläche des Holzstückes. „Das ist Fichte, daraus werden die Oberseiten gemacht. Und für die Unterseiten verwendet man Ahorn.“ An der Stirnwand ihrer Werkstatt sind sie fein säuberlich sortiert: Hölzer, aus denen später feinste Klänge kommen sollen. Und sie ist die Meisterin, die das Material mit sanfter Gewalt dazu zwingen wird. Annette ist Geigenbauerin.
In ihrer Werkstatt in einem der grünen Viertel Aucklands arbeitet sie die Instrumente von Amateur- und Berufsmusikern auf, baut aber auch eigene Geigen. Gelernt hat sie ihr Handwerk in der schon 1858 gegründeten Geigenbauschule in Mittenwald. Danach der klassische Gesellenwerdegang in verschiedenen Ländern und die Meisterprüfung. Hier, am von Deutschland aus gefühlten Ende der Welt, hat sie ihr privates und berufliches Glück gefunden und ist damit eine der wenigen unseres Abiturjahrgangs, die über europäische Grenzen hinweg ihren Weg machte.
Eine zufällig hergestellte Verbindung, eine schnell und spontan geschriebene Mail und unsere Wege kreuzen sich das erste Mal seit 27 Jahren wieder. Sie zeigt mir ihre Werkstatt und erklärt mir, warum die Bogenbespannung von Streichinstrumenten ausschließlich von männlichen Pferden stammen*. Und erzählt, wie eine Geige gemacht wird. Ein faszinierendes Handwerk, das hoffentlich nie ausstirbt. In Neuseeland gibt es vielleicht zwei Dutzend Geigenbauer.
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Wir trinken Kaffee, essen Geburtstagskuchen und schauen der quirligen Tochter beim Unsinnmachen und dem müden Babysohn beim Einschlafen zu. In diesem Haus wohnen glückliche Menschen, so denke ich bei mir. Und: was doch so aus uns wurde, nachdem wir vor bald dreißig Jahren mit dem Abschlusszeugnis in der Hand die Schule verließen, voller Vertrauen in die Zukunft, optimistisch und Willens, der Welt unseren Stempel aufzudrücken. Haben wir es getan?
Eine Geige kann auch nach Jahrhunderten noch klingen, wenn sie gut gemacht ist. Annette hat es in der Hand.
Dieser Beitrag ist Teil des „Wunschzettels“ von Freunden, Familie und Leserinnen.
Für den Nachmittag ist Regen angesagt, also ziehe ich den Fototermin lieber um einige Stunden vor. Mein Modell heute ist die „Ranui“, was auf Maori soviel wie „mitten am Tag“ heißt. Leider hat Richard dann keine Zeit. Als Anwalt für Marine- und Umweltrecht in eigener Kanzlei ist er gut beschäftigt, wenn er nicht gerade mit seiner „Mittagsfrau“ – der knapp 22 Meter langen Ketsch „Ranui“ – unterwegs ist, um im Auftrag der neuseeländischen Regierung junge Segler auszubilden oder für den von ihm mitgegründeten NZ Children’s Health and Education Trust Hilfsgüter und Unterrichtsmaterialien bis nach Vanuatu zu bringen.
Die Ranui kann auf eine bewegte Geschichte zurückblicken – ebenso wie ihr Besitzer. 1936 gebaut aus dem Holz der einheimischen Kauri- und Totarabäume, war das Boot zuerst als Lastensegler für Fisch und Holz unterwegs. Im zweiten Weltkrieg wurden Rumpf und Segel in der Tarnfarbe der Royal Navy versehen und das Schiff als Spionageabwehrboot in die nördlichen Archipel rund um Auckland geschickt.
Ein sehr charmanter Film zeigt die Abenteuer der Ranui und ihrer Besatzung nach dem zweiten Weltkrieg auf einer kleinen, sturmumtosten Insel – mit Seelöwen! Mit Pinguinen! In Schwarzweiß!
In den 50er Jahren des 20. Jahrhundert wurde die Ranui royalen Zwecken zugeführt: als offizielle Staatsyacht für Königin Salote von Tonga. Drei Jahre danach endete das kurze Zwischenspiel als königliches Gefährt, und die Ranui lud wieder Fracht: Langusten und Austern. Ab 1991, nach dem Verlust der Austernzuchtbestände durch einen Parasiten, wurde ihr Einsatz nach und nach unrentabel und dem Boot drohte die Abtakelung.
1996 dann trat ihr heutiger Besitzer Richard auf den Plan. Der frühere Seemann, studierter Anwalt und aktiver Olympiateilnehmer, kaufte die Ranui und ließ sie zu einer Reise- und Charteryacht umbauen. „Ich wollte ein Boot, das sicher für meine junge Familie ist“, so Richard in einem Radiointerview.
In den Folgejahren segelte er über 60.000 Seemeilen mit seiner Familie, rettete mit seiner Crew in Seenot geratene Expeditionsteilnehmer und vercharterte die Ranui an verschiedene Projektteams, bevor das Boot schwerpunktmäßig dem heutigen Zweck zugeführt wurde.
Bootsspezifikationen
Ketsch / Baujahr: 1936 nach Plänen von Korinius Larsen
Registration: Neuseeland
Maße: Länge: ca. 22 m) / Breite: 5,3 m / Tiefgang: 2,7 m
Segelfläche: rund 2.900 Quadratfuß (ca. 270 qm)
Ausstattung
Doppelantrieb Diesel Detroit mit 370 PS
Das Spiel von Zufall und Möglichkeiten gespielt. Du willst eine Halbtagestour machen, dir wird aber zum gleichen Preis eine Ganztagestour angeboten? Du bist nicht sicher, ob dein maroder Körper das aushält? Papperlapapp. Der Mensch ist dafür gemacht, sich anzustrengen. Und wenn deine rechte Schulter das Paddel nicht mehr bewegen möchte, denk an den Hai, den du vorhin gesehen hast. Dann geht das schon. Außerdem sollst du ohnehin aus dem Oberkörper und nicht aus den Armen arbeiten. An der Stelle waren wir schon mal vor langer Zeit. Als du noch Muskeln hattest, ziemlich gute vom Tabletttragen in den Armen und ausgezeichnete vom Lächeln für das Trinkgeld. Denk daran, das ist der Preis. Dafür wirst du belohnt. Mit Seehundbabys, Stachelrochen und Pinguinen. Und mit Hai-Verdacht. Das Salzwasser rinnt dir in jede Pore deines Körpers, von oben regnet es einigermaßen erträglich stark und dein Paddelbuddy schiebt ab und zu noch eine Schippe über dich, weil er mit den beiden Amerikanerinnen im Nachbarboot Kinderspritzspäßchen spielt. Der Guide flirtet schon die ganze Zeit mit allem Weiblichen der Gruppe, aber später fragt er mich, ob ich zum Abendessen kommen möchte.
Widerstehen kann ich übrigens sehr gut. Mein Spieltrieb aber ist etwas unterentwickelt.
Die neuseeländische Freundin hatte 2015 in der Lotterie gewonnen. Einmal Gallipoli und zurück. Ach, Türkei, schon schön da, sagen Sie, aber vielleicht ein bisschen weit weg für urlaubende Neuseeländer, da läge Bali doch deutlich näher.
Bali war aber nicht Schauplatz einer der scheußlichsten Kämpfe des ersten Weltkriegs. In Gallipoli verloren am und um den 25. April 1915 fast 12.000 Neuseeländer und Australier sinnlos ihr Leben. Die Landung an der türkischen Küste war schlecht geplant und der unerwartet erbitterte Widerstand der mit Deutschland verbündeten, türkischen Armee überraschte die Kämpfer. Der Jahrestag der Schlacht von Gallipoli ist seit vielen Jahren ein nationaler Gedenktag sowohl in Australien als auch Neuseeland. Für Australien gilt die Teilnahme an dieser Schlacht als Geburtsstunde einer geeinten Nation. Entsprechend pompös wird an dem sogenannten ANZAC-Tag gefeiert, paradiert und still der Toten und Helden gedacht. Für Neuseeland gilt ähnliches, wenn auch in deutlich kleinerem, zurückhaltenderem Rahmen.
Neben den ausführlich erzählten Geschichten der Kämpfer wird auch die Arbeit der Kriegsärzte und Krankenschwestern gezeigt.
Aber Neuseeland hat da einen Regisseur an der Hand, der sich mit großen Schlachten auskennt. Dass Peter Jackson, der Herr der Ringe und Hobbits, an der großen Gedenkausstellung zu Gallipoli* im Wellingtoner Nationalmuseum Te Papa mitgewirkt hat, ist offensichtlich. Die Meister aus seinen Produktionsstudios stellten überlebensgroße Figuren einzelner Kriegsteilnehmer her, anhand derer sich die Geschichten rund um die Schlacht personalisiert entwickeln. Das interaktive Konzept führt auf ebenso behutsame wie eindrückliche Weise vor, wie die Kämpfer zweier junger Einwanderer-Nationen litten und dennoch und vielleicht auch teilweise gerade deswegen ein ganz eigenes Nationalgefühl entwickeln konnten. Eine Ausstellung, wie ein Film von Peter Jackson, eben. Gleiches in der Ausstellung des Omaka Aviation Heritage Centers über die Helden der Fliegerei im 1. und 2. Weltkrieg in Blenheim – ebenfalls von Peter Jackson und seinem Team mitgestaltet und mit Privatflugzeugen aus der Sammlung des Regisseurs angereichert.
Die russische Fliegerin Lydia Litvyak wird ebenso informativ in Szene gesetzt wie der „Rote Baron“ Manfred von Richthofen und andere Helden der Luftfahrt – ja, als das werden sie in der Ausstellung in Blenheim gesehen.
Beide Ausstellungen sind sehenswert – und nachdenkenswert. Denn Deutschland muss schon sehr weit in der Geschichte zurücbklicken, um seine Helden zu entdecken. Kriegshelden gar sind seit ungefähr 150 Jahren nicht mehr en Vogue. Was im Übrigen auch gut so ist, denn weder die Glorifizierung einzelner Soldatenschicksale noch die Überhöhung einzelner Heeresführer und Generäle taugten dazu, Krieg als letztes – und in den meisten Fällen unnötiges – Mittel der Kommunikation zu rechtfertigen.
Helden sind wichtig. Sie sind Identifikationsfiguren, können bewegen, berühren und helfen eigene Leitbilder anzustoßen oder zu überprüfen. War da nicht einmal etwas mit „Deutschland, Land der Dichter und Denker“, das Land der Musiker und Komponisten? Wo sind sie geblieben, die Heldinnen und Helden, deren Namen auch noch in hundert Jahren mit Ehrfurcht genannt werden?
Wir brauchen neue Helden, so scheint mir. Heldinnen vor allem. Das wäre doch einmal etwas Neues.
Zum Schluss gebe ich Ihnen noch in Memoriam die Helden David Bowies mit. We could be heroes.
Heute möchte ich Ihnen einmal eine andere Travelling Lady vorstellen: meine Urgroßmutter Emmy. Ein Original. Ihre Erdbeermarmelade war geradezu legendär: Ein Schuss besten schottischen Whiskeys durfte nie fehlen. Weshalb ich als Urenkelin auch erst spät, fast zu spät, in den Genuss der gelierten Früchte kam.
„Ich bin geboren am ersten Tag des letzten Jahres im vergangenen Jahrhundert. Na, wann war das?“ Sie stellte mir gern Rechenaufgaben. „Man muss dem Kopf etwas zum Denken geben. Das kommt nicht von allein“, wie sie süffisant lächelnd mit einem Blick auf den ihrer Ansicht nach etwas weichlichen Schwiegersohn hinzufügte. Als Chefin eines mittelständischen Unternehmens wollte sie nur fähige Mitarbeiter, was sie ihre Angestellten durchaus gern in einer dezent-hochnäsigen Gutsbesitzerinnenart wissen ließ.
Manchmal verschwand sie wochenlang. Dann kamen bunte Postkarten mit Mittelmeerszenen, Almrausch und Edelweiß bedruckt und einmal sogar eine aus Indien: Farbenprächtig bemalte Elefanten stolzierten majestätisch in Reih und Glied, auf dem Rücken die Maharadschas in ihren Prunksänften. „Mir geht es gut. Das Taj Mahal ist wunderbar. Morgen geht es weiter nach Varanasi.“ Da war sie 75 und noch gut in Schuss, weshalb sie auch mit dem Reisebus via Damaskus und Kabul den Weg nach Indien auf sich nahm. Auf dem Rückweg musste man sie allerdings aus Kabul ausfliegen – ein kleiner Kreislaufzusammenbruch machte die Heimreise per Luft ratsam.
Eine Postkarte aus Indien hing lange gerahmt hinter dem Schreibtisch im Büro meiner Urgroßmutter. Sie reiste gern und brachte ebenso gern den schlimmsten Kitsch und Trödel mit. Kein Souvenirhändler, der nicht heute noch ein Loblied auf diese seltsame Alte singt, die ihm und seiner Familie über Wochen hinweg die Ernährung sicherte. Man kann sagen, dass ich ein Gutteil meiner Kindheit in Shetland-Pullovern, Schottenröcken und Dirndln verbrachte – dank der Reisewut meiner Urgroßmutter.
Als ich sie das letzte Mal sah, lag sie angebunden an das Bettgitter im Pflegeheim. Ein dünner Speichelfaden hing an ihren kaum noch vorhandenen Lippen, einen zahnlosen Mund umrahmend. Ich erzählte ein wenig von der Schule und dass das Abi nahte. Sehen konnte sie mich nicht mehr, aber sie drückte meine Hand und lächelte auf einer Gesichtshälfte. Bald darauf wechselte die Pflegeleitung und keine Patienten wurden mehr angebunden. Dafür gab es Pillen. Ich machte Abi und ging fort. Ihr Grab habe ich nie besucht.
Sie liegt wohl in der Familie, diese Reiselust, immer hart am Rande eines Abenteuers entlang. Heute bin ich über Vulkane geflogen. Ich bin sicher, das hätte ihr auch gefallen und sie wäre mit Freuden in die kleine Cessna gestiegen.
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Und hinterher hätten wir gemeinsam einen Whiskey in einem Pub in Ohakune getrunken.
Am Ende der Schotterpiste, die ich mit dem Mietwagen laut Vertrag gar nicht befahren dürfte, liegt nur noch Farmland und dahinter das Meer. Ein wenig desorientiert steige ich aus, es hat seinen Preis, das Navigationsgerät trotzig im vorvorletzten Ort ausgeschaltet zu haben.
Die Landlady kommt aus dem verwinkelten Hofgebäude und fragt, wie sie mir helfen kann. Eigentlich wollte ich zum Campingplatz, sage ich, denn ich habe Morgen früh hier ganz in der Nähe eine Reittour gebucht. Ah, sagt sie, dann bist du hier richtig, das sind die Nachbarn, und sie zeigt etwas unbestimmt auf eine weitere Farm noch ein Stückchen weiter die Schotterpiste entlang. Im Frühabenddunst sehe ich nun auch Pferde, Rinder und die obligaten Schafe verstreut auf den Weiden davor grasen. Nur den Campingplatz, den hätte ich vor ungefähr sieben Kilometern Schotterpiste verpasst.
Aber wenn du willst, kannst du auch hier übernachten, sagt sie, wir haben ein Zimmer frei von der Tochter, das vermieten wir, Frühstück gibt es auch. Ich überlege, denn eigentlich habe ich ja heute im Warehouse in Auckland ein Zelt, einen Schlafsack, eine selbstaufblasende Matte und einen Drei-Liter-Kanister voll Wasser gekauft und den Sturkopf, alles auch zu benutzen. Kann ich auch im Zelt auf eurem Land übernachten, geht das, frage ich. Sie zieht verwundert die Augenbraue hoch und sagt: ja, klar. Ich übersetze kurz: Die deutsche Frau ist bekloppt, sieht aber harmlos aus. Ich beeile mich zu sagen, dass ich mir ja extra ein Zelt gekauft habe und es auch mal wieder ausprobieren möchte.
Sie nickt, aber sie möchte nur rasch ihren Mann fragen, der hat hier das Sagen. Na, toll, denke ich, da hätte ich mir von einer Neuseeländerin aber mehr Feminismus erwartet. Da kommt er auch schon, ein Maori, er so dunkel wie sie blond. Nau mai ki roto i te reka, sagt er, Willkommen in meinem Haus. Du willst hier dein Zelt aufschlagen? Sicher in den Dünen, ganz nah am Meer? Ich nicke. Er grinst. Gut, ich zeige dir, wo. Ich belade mich mit meinem Kram und stapfe ihm hinterher. Es geht einen kleinen Pfad voraus, weg von der Farm, durch duftenden Baumbestand. Die Zikaden veranstalten einen Höllenlärm. Dazwischen ruft ein Tui-Vogel, ein Bellbird schlägt auch an. Das hatte ich irgendwie vergessen, diesen Krach, wenn man auf dem Land ist.
Er fragt, was ich so vorhabe und dass ich jederzeit ins Haus kommen kann. Es kämen häufig Besucher hierher, es sei ein schönes Fleckchen Erde. Sein Clan, der Ngati Wai, „Unter dem Firmament.“ weiterlesen →
Der englische Humor soll ja angeblich der kultivierteste der Welt sein. Und der französische „Humour“ ist bissig-politisch bis zum Gehtnichtmehr. Der Deutsche hingegen, ja, dem wird nachgesagt, er habe einen Gendefekt und besitze gar keinen und könne ihn auch nicht lernen. Darum kaufte die Travelling Lady an ihrem ersten Abend in Neuseeland auch einfach mal spontan ein 5 $-Ticket für einen Stand Up Comedy-Wettbewerb in der Classic Comedy Bar. Wo, wenn nicht dort, ließe sich der original Kiwi-Humor lernen?
Der Kartenverkäufer gab mir den Tipp, doch vorher noch im Tankuki’s Cave nebenan etwas zu essen, um eine solide Grundlage für den Abend zu haben. Gesagt, getan. Und für die undefinierbaren, japanischen Tapas (ich glaube, es waren Hühnerherzen) braucht man durchaus Humor oder doch zumindest ein Pint Okinawa-Bier zum Herunterspülen.
Zurück zum Theater. Der Conferencier des Abends Guy Williams, übrigens selbst ein Gewächs des Nachwuchswettbewerbs, moderierte gut gelaunt die jeweiligen Aspiranten an. Und, oh Wunder!, die ersten drei Teilnehmer waren gar keine Neuseeländer: ein schüchterner Schotte, ein pomadisierter Pakistani und eine hinreißend schlumpfige Engländerin buhlten um die Gunst des Publikums. Das Thema des Abends ließ sich dann auch in großen Teilen als „Migranten-Comedy“ umschreiben, etwas gewürzt mit Trump-Bashing, Seitenhieben auf die eigene Herkunft und mitunter sehr gelungen. Meine Favoritin: die gerade mal zwanzigjährige Ruby aus einem mir unverständlichen Ort irgendwo auf der Südinsel Neuseelands. Sie brachte eine Ukulele mit (ganz großer Hach-Faktor!), sang pointiert darüber, wieso ihre Eltern sich Sorgen machen, dass sie noch nie einen Freund hatte und warum sie gern ihren Bruder heiraten möchte.
Kurz vor der Pause fiel mir ein, dass ich meine Einkaufstüte in Tanuki’s Cave vergessen hatte. Netterweise hatte jemand alles ordentlich bei der Kellnerin abgegeben. Sie händigte mir die Tüte aus und sagte gelassen: „Ihre Schokolade und die Chips sind noch da. Aber die Tampons hat jemand mitgenommen.“
Wenn man morgens um halb acht der Flugkapitän die Passagiere bittet, doch nach links unten zu schauen, denn da könne man das berühmte Opernhaus sehen und dahinten, bitteschön, läge der ebenso berühmte Bondi-Beach, ja, dann macht es doch gar nicht so viel aus, dass man nur zwei Stunden Zwischenstopp in Australien hat. Die Travelling Lady lässt den Kontinent nämlich einfach links liegen. Australien war nie ein erklärtes Sehnsuchtsziel wie Neuseeland, zu dem sie jetzt unterwegs ist.
Aber nun, wenigstens den Airport kann man einem ersten Check unterziehen. Ob da etwas für den BER als Feature-Vorbild dabei ist? Es bleibt ja offenbar noch genügend Zeit bis zur Fertigstellung des Berlin-Brandenburgischen Flughafens, dass gegebenenfalls Verbesserungen in Komfort und Service eingeplant werden könnten. (Insert here: sarkastisches Lachen.)
Von einem Gate zum nächsten durchquert man in Sydney erst einmal etliche Luxuslabelshops, nur unterbrochen von kleinen Baustellen. Immerhin – nur kleine Baustellen! Geld sollte man auch mitbringen, wenn man sich einen brühendheißen Kaffee und ein Sandwich kaufen möchte. Viel Geld. Sydneys Airport verlangt Apothekenpreise: sage und schreibe 15 Euro musste ich berappen, um Koffein und Kalorien zuführen zu können. Ich bin ja nicht geizig, aber…
Wenden wir uns den positiven, weil kostenfreien Features des Flughafens zu: Wasserspendern. Wie wunderbar es ist, einfach Trinkwasser aus dem Hahn zum Durststillen nehmen zu können. Ein Privileg. Und es schmeckt auch noch. Wenn Sie ganz genau hinschauen, entdecken Sie im Foto einen Aufkleber aus Neuseeland. Der Flughafen Auckland hat ebenfalls Trinkwasserspender überall. Und da die wohltuende Wirkung des Kaffees in Sydney noch nicht wirklich in meinen Synapsen angekommen und ich zwar begeisterungsfähig aber weniger fotografierfähig war, muss ich hier ein Symbolbild aus Neuseeland für Sydney einfügen. Mea culpa.
Ich halte Trinkwasser übrigens für ein grundsätzliches Menschenrecht. Das nicht nur von Großkonzernen in Plastikflaschen angeboten werden soll. Insofern fände ich es sehr charmant, wenn dieses Angebot wie in Sydney oder Auckland überall in Deutschland an Flughäfen, auf Bahnhöfen und in öffentlichen Gebäuden zu haben wäre. Deutschland hat mit das sauberste Trinkwasser der Welt. Und bietet es nicht offensiv an. Was für eine Verschwendung!
Am Ende einer jeden Reise steht ein Fazit. Eines, das sehr individuell geprägt ist und variiert von „superduper, dahin will ich auswandern!“ bis „grauenhaft, fahre ich nie wieder hin!“. Bali, also.
Bali ist das „Love“ in der unsäglichen Bestsellerverfilmung „Eat, Pray, Love“ von Elizabeth Gilbert. Nicht, dass die Romanvorlage besser gewesen wäre; sie verklebt eine unschöne Diagnose – „Depressionen“ – mit Selbstfindungskitsch und Healing-Esoterik vom Feinsten. Was ich dem Film zugute halten will, sind die schönen Bilder aus Bali, und hier im wesentlichen aus Ubud und den Reisfeldern. Als ich so durch ebenjene Felder wanderte, kam mir in den Sinn, wie grau es doch für Menschen mit einer Grünschwäche auf der Insel der Götter sein muss. Denn Bali ist knallgrün, dunkelgrün, blassgrün, blaugrün, hellgrün, graugrün…
Natürlich besticht Bali auch noch durch weit mehr Farben. Auch in Sachen Bevölkerung. Die rund vier Millionen Bewohner Balis setzen sich aus rund 90 Prozent ethnischen Balinesen, fünf Prozent Chinesen und fünf Prozent weiteren Ethnien und Einwanderern zusammen. Der Anteil letzterer steigt insbesondere durch javanische Zuwanderer von der dichtbesiedelten Hauptinsel Indonesiens, die ihr Glück in der Tourismusbranche versuchen. Dies birgt durchaus Konfliktpotenzial, denn die Neuhinzugezogenen sind in der Regel Muslime. Denn obwohl der Rest des Inselstaates Indonesien zu fast 90 Prozent muslimisch (sunnitische Ausrichtung) geprägt ist, hat Bali eine Bevölkerung, die zu 90 Prozent der hinduistischen Religion zugehörig ist, und deren Alltag sich eng an dieser orientiert.
„Wie schade, dass Sie Bali Morgen verlassen. Sie sollten bis zum Silent Day (Nyepi) hierbleiben und mithelfen, Ogoh Ogohs zu verbrennen.“
Dies sagte die zauberhaft in eine Kebaya, eine traditionelle Bluse, und einen Kain Panjang – ein gewickelter Rock, oftmals fälschlich als Sarong bezeichnet (ein klassisch männliches Kleidungsstück) – gewandete Rezeptionistin des etwas in die Jahre gekommenen Hotels in Denpasar. Ogoh Ogohs sind kunstvoll gestaltete, aus auf Drahtgerüste aufgezogenem Pappmachée gearbeitete, Dämonenfiguren, die am Abend vor Nyepi verbrannt werden. Gern hätte ich mir das angesehen und auch den Tag der Stille, den höchsten balinesischen Feiertag, miterlebt.
Denkmal im Puputan-Park, Denpasar
Die tiefe Einbettung der Balinesen in ihre Religion fand ich sehr anrührend, ebenso wie die zurückhaltende Freundlichkeit der Menschen. Man ließ mich in Ruhe, ließ mich teilnehmen, wenn ich wollte. So zum Beispiel beim sonntäglichen Abendjogging rund um den Puputan-Park. Der Puputan-Park steht übrigens für eine Tragödie. Angesichts der Eroberung der Insel durch niederländische Kolonisatoren 1906 wählten die Herrscher von Badung (Denpasar) für sich und ihr Gefolge den rituellen Massenselbstmord, eben den „Puputan„.
Als Kontrastprogramm zu dem vorgenannten Buch/Film „Eat, Pray, Love“ und zu dieser Thematik empfehle ich Vicki Baums Kolonialbeschreibung „Liebe und Tod auf Bali“, das in eine lang vergessene Zeit entführt und mitnichten ein Liebesroman ist. Vicki Baum besuchte 1937 Bali und traf dort in Ubud den Komponisten und Künstler Walter Spies und weitere frühe Expatriots.
Mein Fazit: Was kann man nach zehn Tagen Bali anderes sagen, als dass es zu kurz war? Zu kurz in Ubud, für das ich das nächste Mal ein Motorrad mieten würde. Zu kurz, um mich wirklich der Kultur Balis zu widmen. Zu kurz, um die Natur wirklich zu erfahren. Es scheint, als müsste ich noch einmal nach Bali kommen.
Empfehlungen für Unterkünfte
Air Ubud – die zauberhafteste B&B-Unterkunft in den Reisfeldern Ubuds
Frii Echo Beach Hotel Canggu – günstig, sehr professionell und modern (es gibt auch Familienzimmer), mit Tiefgarage für Scooter und Surfbretter
Inna Bali Hotel Denpasar – nicht mehr ganz Up to date und ein bisschen schrammelig, aber hey: hier hat schon mal die Queen übernachtet!
Weiterführende Links und Infos
Wer sich aktuell über Balis Events, die neuesten Restaurants, Bars oder Geschehnisse informieren möchte, kann dies hier tun.
Einen guten Überblick über Bali gibt die Seite Bali-Insider des Österreichers Peter Ganster.
Interessante Einblicke in das indonesische und balinesische Leben bietet diese australisch editierte Site.
Und natürlich gibt es auch eine Seite für Expatriots in Indonesien, mit vielen Hintergrundstories auch zu Bali.
„Jugendträume muss man ausführen.“
(Claire Zachanassian/Klara Wäscher)
So ganz taufrisch ist sie nicht mehr, die alte Dame, aber im Gegensatz zu Claire Zachanassian in Friedrich Dürrenmatts Stück hat sie weder Arme noch Beine aus Holz. Vielmehr ist ihr Rumpf aus Stahl, und bei richtiger Pflege kann sie noch weit älter als ihre 115 Jahre werden. Damit man ihr das Alter nicht ansieht, wird sie ein bisschen aufgehübscht. Damit sie ihre Gäste empfangen kann.
Ich bin ein früher Gast, einer, der lieber am Morgen zu Besuch kommt, denn ab zehn Uhr sticht die gleißend helle Sonne über die balinesische See und es wird sehr, sehr heiß. Das Jetty holt die Tourmanagerin Laura und mich an der Mole des kleinen Hafens von Serangan ab, ganz in der Nähe von Denpasar. Wy, der Deckmaster, steuert das kleine Beiboot einmal rundherum um Madame „Adelaar“, damit ich den Doppelmaster in seiner ganzen Pracht begutachten kann.
Warum ich überhaupt auf diesem Schiff bin? Ein Auftrag. Eine der Aufgaben, mit denen mich Freunde, Familie, Kollegen oder Wildfremde betraut haben. In diesem Fall ein Freund aus München, selbst Segler:
„Finde überall, wo es möglich ist, ein Segelschiff, möglichst Baujahr vor 1952, fotografiere es und erzähle seine Geschichte!“
Nun ist es eher weniger erfolgversprechend, in fremden Ländern schnurstracks in Häfen zu wandern und in Sprachen, die man nicht spricht, nach alten Seglern zu fragen. Daher habe ich vorher ein wenig Recherche betreiben müssen. In Kambodscha war kein Segler aufzutun, aber in Indonesien und hier glücklicherweise auch noch auf Bali, bin auf die Adelaar gestoßen. Eine kurze Anfrage gestellt, Laura gibt grünes Licht und ich darf an Bord gehen!
Es riecht nach frischer Farbe und Lösungsmittel, dem Make Up für Schiffe. Die alte Dame wird gerade auf Vordermann gebracht. Nur einige der Mannschaftsmitglieder sind gerade an Bord und arbeiten das Schiff auf. Kapitän Sam ist auf Fortbildung, andere nutzen die Zeit vor dem Auslaufen mit den nächsten Gästen für Urlaub daheim. Wir setzen uns auf Deckhöhe im Salon an den großen Tisch, an dem bei schlechtem Wetter gegessen wird. Und wieder ein neuer Geruch: Holz. Warmes Holz hat einen ganz eigenen Geruch und schafft sofort ein Heimatgefühl. Laura zeigt mir einige Image-Broschüren: schöne Schiffsbilder, Unterwasserfotos und Komodowarane! Dann geht es auf einen Rundgang. Überall ist das gleiche, hochglanzlackierte Holz verwendet, die Kabinen haben alle Annehmlichkeiten, die ein Luxusurlauber benötigt: Bad, Dusche, Toilette, Schreibtisch, Flatscreen, WiFi und viel Stauraum. In der Eignerkabine, die auch vermietet wird, scheint noch ein wenig der Geist der Besitzer zu leben.