Unsere Wege.

Zart streicht sie über die Oberfläche des Holzstückes. „Das ist Fichte, daraus werden die Oberseiten gemacht. Und für die Unterseiten verwendet man Ahorn.“ An der Stirnwand ihrer Werkstatt sind sie fein säuberlich sortiert: Hölzer, aus denen später feinste Klänge kommen sollen. Und sie ist die Meisterin, die das Material mit sanfter Gewalt dazu zwingen wird. Annette ist Geigenbauerin.

In ihrer Werkstatt in einem der grünen Viertel Aucklands arbeitet sie die Instrumente von Amateur- und Berufsmusikern auf, baut aber auch eigene Geigen. Gelernt hat sie ihr Handwerk in der schon 1858 gegründeten Geigenbauschule in Mittenwald. Danach der klassische Gesellenwerdegang in verschiedenen Ländern und die Meisterprüfung. Hier, am von Deutschland aus gefühlten Ende der Welt, hat sie ihr privates und berufliches Glück gefunden und ist damit eine der wenigen unseres Abiturjahrgangs, die über europäische Grenzen hinweg ihren Weg machte.

Eine zufällig hergestellte Verbindung, eine schnell und spontan geschriebene Mail und unsere Wege kreuzen sich das erste Mal seit 27 Jahren wieder. Sie zeigt mir ihre Werkstatt und erklärt mir, warum die Bogenbespannung von Streichinstrumenten ausschließlich von männlichen Pferden stammen*. Und erzählt, wie eine Geige gemacht wird. Ein faszinierendes Handwerk, das hoffentlich nie ausstirbt. In Neuseeland gibt es vielleicht zwei Dutzend Geigenbauer.

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Wir trinken Kaffee, essen Geburtstagskuchen und schauen der quirligen Tochter beim Unsinnmachen und dem müden Babysohn beim Einschlafen zu. In diesem Haus wohnen glückliche Menschen, so denke ich bei mir. Und: was doch so aus uns wurde, nachdem wir vor bald dreißig Jahren mit dem Abschlusszeugnis in der Hand die Schule verließen, voller Vertrauen in die Zukunft, optimistisch und Willens, der Welt unseren Stempel aufzudrücken. Haben wir es getan?

Eine Geige kann auch nach Jahrhunderten noch klingen, wenn sie gut gemacht ist. Annette hat es in der Hand.

 

*Weil Hengste Schweifabgewandt pinkeln.

By | April 4th, 2017|Categories: Unkategorisiert|7 Comments