Vogelfrei.
Der Blick vom Treppenabsatz unterhalb des Tempels Wat Phnom geht tief ins grüne Dickicht, und die trubelige Großstadt scheint für einen Augenblick sehr weit entfernt. Eine junge Frau stellt vorsichtig zwei Käfige auf den Boden vor dem Geländer. Gute zwei Dutzend kleine braunschwarze Vögel klammern sich an die Sitz- und Gitterstäbe oder sitzen verängstigt oder halbtot auf dem Käfigboden. Die Frau nimmt einen der Vögel aus dem Käfig und setzt ihn auf die Handfläche.
Weit streckt sie den Arm in Richtung Dickicht, doch der Vogel versucht nicht einmal, davon zu fliegen. Selbst die zerzausten, langen Flügel hängen traurig herab. Sie setzt ihn auf den Boden neben den Käfigen, wo er reglos sitzen bleibt. Nur ein gelegentliches Zucken der Flügel und der noch erhobene Kopf zeigen, dass noch Leben in ihm steckt.
Einen Vogel nach dem anderen entlässt sie in die Freiheit. Die meisten fliegen nach einigen Probeflügelgschlägen sofort los. Ich frage sie, warum sie das macht. Sie antwortet: „Mit den Vögel fliegen die Sünden davon und es bringt Glück.“ Man kaufe die wild gefangenen Vögel – sie kosten umgerechnet 70 Cent pro Stück – und lässt sie dann wieder in der Nähe eines Tempels oder anderen heiligen Ortes frei.
Ich frage ich, wie viele Sünden sie wohl begangen haben mag, dass es zwei ganze Käfige voll mit kleinen Vögeln sein müssen. Der kleine Vogel auf dem Boden ist mittlerweile tot und durfte nicht mehr frei sein. Wenn das keine Sünde ist, weiß ich auch nicht.